Mittwoch, 16. Dezember 2015

Von Sklaven in Thailand geschälte Shrimps

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Jeden Morgen um zwei hörten sie das Klopfen an ihrer Türe und die Drohung: Aufstehen oder ihr werdet geschlagen. Für die nächsten 16 Stunden standen Nr. 31 und seine Frau mit schmerzenden Händen in Eiswasser in der Fabrik, deren Eigentum sie waren. Sie rissen Eingeweide, Köpfe und Schwänze von Shrimps für die Märkte in Übersee, einschliesslich Supermärkte und Restaurants überall in den Vereinigten Staaten, Europa und auch Asien.

Die nie endende Versorgung füttert den immer stärker wachsenden Hunger nach Shrimps, wie auch immer sie gefischt und weiterverarbeitet wurden.
Nachdem sie an die Gig Peeling Fabrik verkauft wurden, waren sie der Gnade ihrer Thai Bosse ausgeliefert, in die Falle gegangen mit annähernd 100 anderen Burmesischen Migranten. Kinder arbeiteten mit ihnen. Auch ein Mädchen, dass so klein war, dass es auf einem Stuhl stehen musste um den Schältisch zu erreichen. Einige waren seit Monaten hier, sogar Jahre schon, erhielten fast keinen oder gar keinen Lohn. Immer wurden sie überwacht.

Namen wurden nicht benutzt, sie erhielten von ihren Bossen nur Nummern - Tin Nyo Win war die Nummer 31.

Alles durchdringender Menschenhandel hat dazu beigetragen Thailand in einen der weltweit grössten Produzenten von Shrimps zu wandeln. Trotz wiederholter Zusagen von Unternehmen und Regierung die $7 Milliarden schwere Seafood Exportindustrie zu säubern förderte eine Untersuchung der Associated Press zu Tage, dass Shrimps nach wie vor von modernen Sklaven geschält werden bis sie die USA, Europa und andere Länder Asien erreichen.

Das Problem wird durch Korruption und Komplizenschaft bei Polizei und Behörden angeheizt. Verhaftungen und Verfolgungen sind selten. Durchsuchungen enden damit, dass Migranten ohne korrekte Papiere ins Gefängnis kommen während die Besitzer unbestraft bleiben.

Hunderte von Shrimp-Schäl-Schuppen liegen versteckt vor Einsicht in Wohngebieten oder hinter Mauern ohne Schildern in Samut Sakhon, einer Hafenstadt eine Stunde südwestlich von Bangkok. AP fand eine Fabrik mit Dutzenden von versklavten Arbeitern, entflohene Migranten führten Rechtsaktivisten zu den Baracken von Gig und einer dritten Einrichtung. In den drei Schuppen waren jeweils 50-100  Menschen, viele von ihnen eingeschlossen.

Wie Tin Nyo Win bald selbst herausfand gab es keine einfach Möglichkeit zur Flucht. Eine Frau arbeitete seit 8 Jahren bei Gig. Ein anderer Mann endetet beim Shrimp schälen nachdem es ihm zuvor gelungen war von einer ähnlich brutalen Fabrik zu entkommen.

„Ich war nach einiger Zeit schockiert und ich realisierte, dass es keinen einfachen Weg heraus gab“ sagte der 22-jährige Tin Nyo Win. Er hat ein kindliches Gesicht und seine Zähne sind rot gefärbt vom Kauen von Betel Nüssen.

„Ich sagte meiner Frau, wir stecken in Schwierigkeiten. Wenn es schief läuft werden wir sterben.“

Letzten Monat folgten und filmten Journalisten Lastwagen voller frisch geschälter Shrimps von den Gig Schuppen zu den wichtigsten thailändischen Exportunternehmen und weiter in alle Welt, unter Verwendung von Aufzeichnungen des US Zolls und thailändischen Branchenberichten. Sie zeichneten auch ähnliche Verbindungen einer anderen Fabrik auf, die sechs Monate zuvor durchsucht worden war und interviewten mehr als zwei Dutzend Arbeiter von beiden Fabriken.

Die Berichte des US Zolls zeigen wie die Shrimps in die Versorgungskette der grossen amerikanischen Supermärkte und Einzelhändler wie Wal-Mart, Kroger, Whole Foods, Dollar General und Petto kommen, wie auch in Restaurant-Ketten wie Red Lobster und Olive Garden.

Die Shrimps kamen auch in die Versorgungskette einiger von Amerikas bekanntesten Seafood Marken, einschliesslich Chicken of the Sea und Fancy Feast, welche in Läden von Safeway über Schnucks zu Piggly Wiggly und Albertsons verkauft werden. AP Reporter gingen in Supermarkt von 50 Staaten und fanden Produkte mit Shrimps, die mit Zwangsarbeit befleckt waren.

Europäische und asiatische Import- und Exportaufzeichnungen sind vertraulich, aber alle von AP angefragten thailändischen Unternehmen sagten, dass sie auch nach Europa und Asien liefern.

Alle Unternehmen, die auf Anfrage von AP antworteten, verurteilen die Praktiken die zu diesen Bedingungen führen. Viele sagten, dass sie Untersuchungen einleiten würden, als ihnen mitgeteilt wurde, dass ihre Versorgungskette mit Menschen verbunden ist, die gegen ihren Willen in Schuppen wie der Gig Fabrik festgehalten werden. Die Gig Fabrik liegt hinter einer Mauer an einer stark befahrenen Strasse, zwischen Bahnlinie und einem Fluss.

In der grossen Lagerhalle waren die Toiletten von Kot bedeckt und der faulige Geruch von Abwasser einer offenen Rinne gleich neben dem Arbeitsbereich durchdrang die Luft. Kinder rannten barfuss durch stickige Schlafräume. Ganze Familien arbeiteten Seite an Seite an Reihen von Edelstahlbehältern beladen mit Wannen voller Shrimps.

Tin Nyo Win und seine Frau Mi San wurden als „Büffel“ und „Kuh“ beschimpft, weil sie nicht schnell genug schälten. Immer nur jemand von ihnen durfte nach draussen essen gehen, zur Absicherung, dass sie nicht weglaufen.

Aber Flucht war alles, woran sie denken konnten.

Missbrauch ist normal in Samut Sakhon. Ein Bericht der International Labour Organisation nimmt an, dass in der Stadt 10’000 Kinder im Alter von 13-15 arbeiten. Ein andere UN-Agentur fand heraus, dass gegen 60% aller burmesischen Arbeiter in der Thailands Seafood Industrie Opfer von Zwangsarbeit sind.

Tin Nyo Win und seine Frau kamen im Juli in die Gig Schälfabrik, als sie nach ihrer langen Reise aus Myanmar über die Grenze nach Thailand so dicht in einen Lastwagen gepfercht wurden, dass sie kaum noch atmen konnten. Wie viele Migranten waren sie in ihrer Heimatstadt von einem Vermittler mit der Aussicht auf einen gut bezahlten Job angelockt worden, kamen ohne Visum und Arbeitsgenehmigung.

Nachdem sie an Gig verkauft wurden erfuhr das Paar, dass es seinen kombinierten Wert abarbeiten musste: $830. Das waren unüberwindliche Schulden.

Weil sie illegale Arbeiter waren, bedrohte sie der Eigentümer ständig damit die Polizei zu rufen - um sie in Schach zu halten. Aber auch Migranten mit Papieren sind anfällig auf Zwangsarbeit, weil ihr Chef die Ausweispapiere an sich nimmt und sie deshalb nicht einfach weggehen können.

Gemäss der Definition der amerikanischen Regierung sind Zwangsarbeit und Schuldknechtschaft Sklaverei.

Im Gig Schuppen hängt der Lohn von der Geschwindigkeit der Finger ab. Tin Nyo Win und seine Frau schälten pro Tag ungefähr 175 Pfund Shrimps und erhielten dafür zusammen $4, weniger als die Hälfte dessen, was ihnen versprochen worden war. Eine thailändische Managerin, welche die Arbeiter anfauchte und ohrfeigte strich die Löhne oft ohne Erklärung zusammen. Weil sie die Handschuhe und Gummistiefel selbst kaufen müssen und nach der Bezahlung der monatlichen „Reinigungsgebühren“ der abfallübersäten Schuppen blieb für sie selbst praktisch nichts mehr übrig.

Arbeiter sagten, dass sie auch arbeiten mussten, wenn sie krank waren. Siebzehn Kinder schälten neben Erwachsenen, weinten manchmal in Ecken, wo die Farbe von den Wänden fliesst und der rutschige Boden von Salzwasser zerfressen wird.

Mittagspause gab es nur 15 Minuten. Die Arbeiter wurden angeschrien, weil sie zu laut miteinander sprachen. Einige sagten, eine Frau sei gestorben, weil sie keine genügende medizinische Versorgung gegen ihr Asthma erhielt. Kinder konnten nicht zur Schule und begannen nur gerade eine Stunde später als ihre Eltern Shrimps zu schälen.

„Wir mussten um 3 Uhr nachts aufstehen und danach ohne Unterbruch arbeiten“, sagte Eae Hpaw, sie ist 16 und ihre Arme sind ein Flickwerk von Narben aus Infektionen und Allergien ausgelöst durch die Shrimps. „Um 7 Uhr abends durften wir mit der Arbeit aufhören. Wir gingen duschen und schlafen. Und dann begann die Arbeit von neuem.“

Nachdem sie eines Nachts von einem Aufseher verprügelt wurden, fünf Monate nach Beginn ihrer Gefangenschaft, konnten Tin Nyo Win und seine Frau die ständigen Bedrohungen nicht länger aushalten.

Am nächsten Morgen sahen sie eine Gelegenheit, als die Türe nicht bewacht war.

Sie rannten.

Weniger als 24 Stunden später wurden Tin Nyo Win und seine Frau auf einem Markt vom Schuppen Manager geschnappt. Er sah hilflos zu, wie seine Frau an den Haaren wegzogen wurde, Angst erfüllt um ihr Baby, dass sie, wie sie kurz zuvor erfahren hatten, in sich trug.

Moderne Sklaverei ist oft nur ein Teil des Geschäfts in Thailands Hauptstadt des Seafood Exports. Einige Besitzer von Schuppen glauben, dass sie mit dem Schaffen von Jobs Gutes täten für arme Migranten in Not. Die Polizei wird dafür bezahlt in andere Richtungen zu schauen und Offiziere verstehen oft nicht, dass Zwangsarbeit und Schuldknechtschaft gegen das Gesetz verstösst.

„Wir müssen diesbezüglich alle erziehen“, sagt Jaruwat Vaisaya, stellvertretender Commissioner der Bangkok Metropolitan Polizei. „Ich glaube nicht, dass sie wissen, dass das, was sie tun, Menschenhandel genannt wird, aber sie müssen wissen, dass es falsch ist.“

Nachrichten kommen nur an die Oberfläche wenn die Arbeiter missbrauchender Schuppen so hoffnungslos sind, dass sie alles riskieren um zu fliehen. Einmal draussen, ohne Papiere, sind sie in gewisser Weise noch verletzlicher. Sie stehen vor einer möglichen Verhaftung, Deportation oder einem Weiterverkauf.

Nach der Flucht aus dem Gig Schuppen war Tin Nyo Win alleine. Er wusste nicht, wo der Schuppen Manager seine Frau hingebracht hatte. Er suchte Hilfe bei einer lokalen Arbeitsrechtsgruppe, welche die Polizei aufforderte Massnahmen zu ergreifen.

Am Abend des 9. Novembers, beinahe zwei Wochen nach seiner Flucht, kehrte in in den Schuppen zurück. Einer dunklen Sonnenbrille auf der Nase, einem Hut auf dem Kopf und einer Maske vor dem Gesicht sollte ihn unerkannt halten. Er brach mit Dutzenden von Offizieren und Soldaten durch das Tor und suchte in den dunklen Vierteln der beiden Etagen des labyrinthartigen Komplexes verzweifelt seine Frau.

Verängstigt drängten sich burmesische Arbeiter auf den schmutzigen Betonboden, Männer von Frauen getrennt. Einige flüsterten: „Das ist Nummer 31, er ist zurück.“ Eine junge Mutter stillte ihr fünf Monate altes Baby, während 17 Kinder in eine Ecke gebracht wurden.

Tin Nyo Wins Frau war nirgends.

Dank Strafverfolgung dauerte es nicht lange, bis sie gefunden wurde. Mi San war in einer nahen Fischfabrik. Nachdem sie vom Schuppen Manager gefasst worden war, brachte er sie zur Polizei. Aber statt sie als Opfer von Menschenhandel zu behandeln, wurde sie zurück zur Arbeit gebracht. Sogar als die Polizei und ihr Ehemann sie aus der zweiten Fabrik heraus brachten, folgte ihnen der thailändische Besitzer und beklagte sich, dass ihm Mi San immer noch $22 für Essen schulde.

Für die thailändische Polizei sah es vor laufenden Kameras aus wie eine Sieg. Aber die Geschichte endet nicht hier.

Niemand des Gig Schuppens wurde für Menschenhandel verhaftet, ein Gesetz, dass selten durchgesetzt wird. Stattdessen wurden Migranten mit Papieren, inklusive sieben Kinder, zurück zur Arbeit gebracht. Zehn Kinder ohne Papiere wurden ihren Eltern weggenommen und in eine Unterkunft gebracht. Sie wurden gezwungen auszuwählen, ob sie für Jahre zu bleiben oder nach Myanmar deportiert werden wollen. 19 andere illegale Arbeiter wurden festgenommen.

Tin Nyo Win und seine Frau stellten bald fest, dass nicht einmal Informanten geschützt sind. Nur vier Tage nachdem sie wiedervereint waren, wurden ihnen ihre Fingerabdrücke abgenommen und beide in eine Gefängniszelle ohne Matratze gesperrt.  Die Kaution wurde auf $4’000 angesetzt und Anklage wegen illegalem Eintritt in Thailand und Arbeit ohne Arbeitsbewilligung erhoben.

Im Schuppen, wo ihr Albtraum begann, bat gerade eine Arbeiter, der telefonisch erreichbar war, um Hilfe während die Lastwagen mit von Sklaven geschälten Shrimps die Halle verliessen.

Epilog

Die Gig Peeling Factory ist jetzt geschlossen, die Arbeiter arbeiten in einem anderen Schuppen, der mit den selben Eigentümern verbunden ist, wie die örtliche Polizei sagt. Einer der Besitzer von Gig war von AP telefonisch erreichbar, lehnt aber eine Stellungnahme ab.

Ein hochrangiger Polizeibeamter aus Bangkok wurde alarmiert wie der Fall behandelt wurde und befahl den lokalen Behörden ihn nochmals auf Menschenhandel zu untersuchen. Tin Nyo Win und seine schwangere Frau wurden nach zehn Tagen aus dem Gefängnis entlassen und können nun in einer Unterkunft der Regierung für Opfer aus Menschenhandel verbleiben.

Chaiyuth Thoma, der Superintendent der Polizei von Samut Sakhon berief eine Sitzung ein um die Menschenhandels Gesetze nahezu 60 Schuppen Inhabern zu erläutern. Einige von ihnen waren verwirrt von den Durchsuchungen, die illegale Migranten hervorbrachten. Später zitierte Chaiyuth einer der Schuppen Besitzer: „Ich verkaufe keine Drogen, weshalb haben sie meine Sachen weggenommen?“

Unterdessen hat die AP Arbeitsrechtsermittler, die eng mit der Polizei zusammen arbeiten, darüber informiert, dass in einem anderen Schuppen Arbeiter sagen gegen ihren Willen festgehalten zu werden. Der Fall wird untersucht.

Quelle: Bangkok Post

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