Montag, 12. Oktober 2015

Eine haarsträubende Geschichte

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Die „Drei Grossmütter“ ist die berühmte Geschichte aus dem alten Teil des Slums, bekannt als Schlachthaus von Klong Toey. Die Kindergärtler lieben die Geschichte und wollen, dass die Lehrerinnen sie ihnen vor dem Mittagsschlaf wieder und wieder erzählen. Einer der Lehrerinnen ist die Enkelin einer der berüchtigten Grossmütter. Sie ist diejenige, die Joys Mutter überzeugte, sie in der Schule zu lassen und da war, als Joy ihre Haare schneiden und verkaufen musste. Aber davon später mehr.

Als Neunjährige hatte Joy wunderschöne, lange, schwarze Haare, die über ihre Schulter bis zur Hüfte reichten. Sie war vor kurzem ins Schlachthaus eingezogen. Was illegal war, den sie kam aus einem Dorf von der anderen Seite der Grenze. Das ist ihre eigenen Saga und die Saga der „berüchtigten Grossmütter und der Schule im Schlachthaus“. 

Sogar Joys Mutter wusste, dass die „Baracken Schule“ geschützt ist. Und nicht nur die Schule, auch die Lehrer und Kinder drin sind beschützt und sicher durch die Gebete der drei Grossmütter, die jetzt im Himmel sind. Sie waren starke Frauen, gereift von 75 und mehr Jahren Leben im Schlachthaus.

Einst nahmen sie ihren stümperhaften, stolpernden Enkeln heilige katholische Symbole ab. Die Enkel hatten beschlossen, ihr Geld nicht mehr durch Schlachten von Schweinen zu machen, wollten den nicht mehr gebrauchten Kühlraum als Hahnenkampf Arena und das obere Stockwerk als Stundenhotel nutzen.

Als die Grossmütter davon hörten, bekräftigt durch ihren morgendlichen Schuss Reisschnaps - um die Morgenspinnweben auszutreiben und das Blut in die Adern schiessen zu lassen -  marschierten sie ohne Zögern in die Zimmer ihrer zwei Enkel und nahmen alle religiösen Gegenstände mit. Sie sagten, ihre Enkel beschämten sie und die Religionen. Nur, und wirklich nur, wenn sie ihr Leben reformierten, würden ihnen die Grossmütter die Gegenstände zurück geben. Sie zeigten mit dem Finger auf sie. Schämt euch. Schämt euch.  

Die drei alten Frauen sassen in der ersten Reihe als die Schule feierlich eröffnet wurde. Sie hatten ihren erwachsenen Enkeln dringend geraten ebenfalls teilzunehmen. Sie liessen sie knien vor der Statue der heiligen Maria knien und versprechen die Schule zu beschützen. Fertig mit verrückten Ideen von Hahnenkampf und Bordell.

Das ist einige Jahre her. Jetzt gibt es eine blühende Schule mit 72 Mädchen und Jungen. Und hier ist der Ort, wo Joy, dass illegale Flüchtlingsmädchen mit langen, schönen Haaren zur Schule geht. Sie sitzt direkt unter dem Altar, zu Füssen der Heiligen Jungfrau Maria und anderen katholischen Statuen. Aber auch einem Buddha. Sicher ist sicher.

Die Schule ist geschützt. Es gab noch nie einen Unfall, noch nie ein Problem. Ausser einmal, als Rauch von Drogensüchtigen nebenan in die Schule wehten. Der Rauch machte die Kinder krank. Aber die Lehrerin-Enkelin sagte es ihrer Grossmutter, einer der drei. Noch einmal machten sie die Grossmütter auf, nach dem Morgenschuss Reisschnaps zur Vertreibung der Spinnweben und zur Zirkulation des Blutes. Gingen zur Polizei und verlangten, dass der Rauch und Gestank ein für allemal weg muss. Die Kinder liebten es der Razzia zuzusehen. Sie sagten, es wäre wie im Fernsehen gewesen.

Joy vermisst selten einen Tag in der Schule, auch wenn ihre Mutter dagegen ist. Sie will, dass ihre Tochter ihr von morgens bis abends hilft Eingeweide der Schweine zu säubern. Schule und Hausaufgaben bei Tag, säubern von Eingeweiden am Abend, manchmal bis nach Mitternacht, meint sie, könnte zu viel sein. 

Joy ist gesund, wuchs aber hungrig auf. Konnte nie viel mehr als Reis mit Salz essen. Dazu kommt, obwohl der Kindergarten nur fünf Minuten Slumweg von ihrem Zuhause über dem Schweinestall liegt, diese fünf Minuten für ein 9-jähriges Mädchen ohne Papiere gefährlich sind. Aber jetzt ist es besser. Joy kann Thai sprechen und kennt den Umgangston im Slum. Auch, um ehrlich zu sein, ist sie zu dünn um einen kommerziellen Wert darzustellen. Ihre Eltern haben kein Geld. Sie ist, offen gesagt, nichts wert. 

Joy und ihre Familie haben keine Papiere. Sie brauchen sie für ihr leben und arbeiten im Schlachthaus auch nicht wirklich. Aber manchmal schon. Wie vor ein paar Wochen ihr Vater. Er war nach dem Schlachten von Schweinen glücklich betrunken, aber viel zu laut. Wie der Zufall es wollte, waren ein paar Polizisten in der Nähe. 1000 Baht, das war billig, beseitigten alles. Als ob nichts geschehen wäre. 

Es geschah so: Joy war auf dem Weg zur Schule als sie die Menschenmenge und den Tumult um ihren Vater sah, der vor dem Schweinestall vor Polizisten auf dem Boden sass. Sehr kühn marschierte sie durch die Leute, zog ihren Vater hoch und übersetzte für ihn. Sie sagte der Polizei, dass er sich sehr entschuldige und seine Papiere vom kürzlichen Regenguss völlig durchnässt und komplett ruiniert wären. 

Keiner glaubte ihr, aber es reichte. Die Polizei wies sie streng an, ihrem Vater „nie wieder“ zu sagen. Aber ihre Mutter brauchte die 1000 Baht zum Kauf von Medikamenten für ihren kleinen Bruder, der seit drei Wochen an einer schweren Grippe litt. Er war Novize, so konnte er morgens mit den Mönchen auf ihrem Almosengang mit und zusätzliches Essen bringen. Aber nicht, wenn er hustete und keuchte. Er brauchte Medizin. Sonst würde, zusätzlich zu den fehlenden 1000 Baht für des Vaters Betrunkenheit, kein zusätzliches Essen von ihrem kleinen Novizen Bruder kommen. 

Joys Lehrerin, die Enkelin der ältesten der drei Grossmütter kam und sprach mit ihrer Mutter, fragte sie, ob Joy in der Schule bleiben könne. Dieses Lehrerin-Mutter Gespräch liess Mutter unglücklich zurück, aber sie sagte nicht nein. Trotzdem, nachdem die Lehrerin ging, war Mutter nicht erfreut.

Sie belehrte ihre Tochter. „Thai lernen, die Sprache lesen und schreiben, ist nichts für Leute vom Land wie wir. Ausserdem ist unsere eigenen Sprache viel schöner als Thai. Warum willst du diese Sprache lernen? Aber wenn es dich glücklich macht, gehe weiter zur Schule. Ich genehmige diese Dummheit nicht, aber ich werde dich nicht aufhalten.“

Aber dann gab es ein neues Problem. Mutter sagte: „Wir müssen deine Haare schneiden. Wir brauchen Geld.“ Sie liess sich nicht davon abhalten. „Meine Tochter, verstehst du nicht, wir brauchen Geld um Essen zu kaufen. Du musst deine Haare schneiden und deine wunderschönen, bis zur Hüfte reichenden schwarzen Haare verkaufen. Wir können nicht ins Krankenhaus weil wir keine Papiere haben. Jemand könnte uns anzeigen und wir würden unsere Arbeit verlieren, über die Grenze geschickt, ins Gefängnis gesteckt oder eine hohe Geldbusse erhalten.

Joy geriet in Panik. Konnte sie auch mit kurzen Haare zur Schule? Sie lief zu ihrer Lehrerin. Die sagte, kein Problem. Mutter hatte gesagt: „Lehrerin oder keine Lehrerin, Schule oder kein Schule. Wir werden deine wunderschönen Haare schneiden. Wir können sie für vielleicht 400 Baht verkaufen und davon Medizin für deinen kleinen Bruder kaufen.

Joy fragte ihre Lehrerin sie mit zum Wat zu nehmen. Ein Mönch hörte zu und sagte: kein Problem. Die Haare schneiden würde kein schlechtes Karma verursachen. Die Lehrerin, die Enkelin der ältesten der drei Grossmütter, flüsterte zu Joy: „Keine Angst. Meine Kusine kennt einen Schauspielerin und ihre Friseuse. Wir fragen die Friseuse, ob sie deine Haare kaufen und daraus einen schönen Zopf für die Schauspielerin machen will, worauf du stolz sein könntest.“

Joy verkaufte ihre Haare an die Friseuse und Mutter kaufte Medizin. Ihr kleiner Bruder folgt wieder frühmorgens als Novize den Mönchen. Die Familie kann jetzt sicher in Thailand leben - nicht komfortabel, aber sicher. Ihr Vater hilft Schweine schlachten. Er ist nicht sehr erfahren und kriegt nur die Hälfte des eigentlichen Lohnes. Aber das ist besser als angeschossen zu werden, auf der Flucht zu sein, sich immer fragend, ob sein Frauenvolk in Sicherheit ist.

Wenn etwas passieren würden, wer würde sie beschützen? Die Antwort lautet, dass er sie und sie ihn nicht beschützen können. Er war auch der Gefahr ausgesetzt zum Militärdienst eingezogen und zur Sklavenarbeit eingezogen zu werden. Mit der Hilfe eines Freundes machten sie es nach Klong Toey, wo sie Arbeit fanden. Vater war glücklich. Noch ein Mann fürs Schlachten und eine Frau zur Reinigung von Eingeweiden. Die Eingeweide müssen gereinigt werden, bevor sie in Schmalz eingekocht werden.

Joy hilft ihrer Mutter jeden Abend bis manchmal nach Mitternacht. Bis die Arbeit erledigt ist und die Eingeweide der Frau gegeben werden können, die sie am nächsten Morgen einkocht. Sie ist eine nette Frau, die sich nicht beklagt, auch wenn ihre Mutter manchmal nicht alles sehr sauber kriegt. 

Joy, ihre Mutter, ihr Vater und ihr kleiner Bruder leben ziemlich versteckt in einer der armseligeren Hütten über einem ungenutzten Schweinestall hinter dem Schlachthaus. Tatsächlich war die Hütte aufgegeben worden. Jemand war darin ermordet worden und die Leute sagten: „Gebt den Geistern viel Platz und stört sie nicht.“

Deshalb sagte der Chinese, der sie vermietete: „Ihr könnt gratis hier leben, müsst keine Miete bezahlen. So lange ihr keinen Ärger macht und die Geister respektiert. Lacht sie nicht aus. Geister mögen es nicht ausgelacht zu werden.“

Mutter sagte, einige freche Geister hätten Vater betrunken gemacht. Weil, manchmal, die frechen Geister selbst gerne Schnaps trinken - zumindest im Schlachthaus. Was bringt also die Zukunft?

Gerade jetzt besucht Joy die dritte Klasse. Ihr schönes schwarzes Haare wächst und ihre Lehrerin sagt, sie sähe mit kurzen Haaren sowieso besser aus.

Ihr kleiner Bruder geht nach seinem morgendlichen Gang als Novize mit den Mönchen in den Kindergarten. Mutter säubert noch immer jeden Abend mit Joy Eingeweide. Vater hat seine Arbeit im Schlachthaus und war nie mehr betrunken. Die Geister sind ruhig.

Die Lieblingsgeschichte der 72 Kinder ist die der drei berüchtigten Grossmütter. Und sie wollen sie immer und immer wieder hören. Alle glauben, dass ihre Schule die sicherste Schule auf der Welt ist, geschützt von den Gebeten der drei Grossmütter.

Und morgen ist ein neuer, herrlicher Tag.


Quelle: Bangkok Post 

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