Dienstag, 25. August 2015

Tänzerin im Licht

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Für Kanyanan Jittreenit ist traditioneller Thai Tanz der Lebensunterhalt. Es ist ein relativ sicherer Job, wenn man nicht gerade am Erawan Schrein engagiert ist. Obwohl nicht viele, gibt es einige arbeitsbedingte Gefahren für Nang Ram - Tänzerinnen - an diesem weltberühmten, viergesichtigen Brahma Schrein an der Ratchaprasong Kreuzung, die ein Ort von vielen politisch motivierten Demonstrationen und zuletzt einem Bombenattentat war.


Kanyanan, eine der Tänzerinnen der Damrong Thai Dance Crew vor dem Erawan Schrein in Bangkok. 
Die 33-jährige tanzte, als die Bombe explodierte. Sie und alle anderen ihres Teams überlebten leicht verletzt. Kanyanan tanzt seit 14 Jahren für die Damrong Thai Dance Crew, einer der vier am San Phra Prom, wie der Schrein in Thai heisst. Leute engagieren die Schönheiten in leuchtenden Kostümen und glitzernden Oberteilen für eine Vorführung als Teil von Kae Bon oder zur Erfüllung ihrer Gelübde nachdem ihnen ein Wunsch erfüllt wurde.

Zwei Tag nach der Attacke vom Montag, 17. August durfte wieder gebetet werden, das Tanzen begann erst am Freitag danach. An diesem Tag war die Damrong Crew an der Reihe - ein harter erster Tag zurück, während die Erinnerung noch immer in allen Köpfen bebte. Kanyanan nickt nur auf die Frage, ob sie Angst habe. Aber Nichtkommen war keine Option.

„Das ist meine Verantwortung, mein Job. Ich konnte und wollte nicht andere bitten, für mich einzuspringen.“

Um 11 Uhr verliess sie ihr Haus in Ayutthaya und fuhr zur Nachaufführung nach Bangkok. Weil Bangkok ein schwieriger Ort ist für eine Familie, zog sie vor vier Jahren um. Sie lebt in der ehemaligen Hauptstadt mit ihrem Mann und drei Kindern, pendelt zwei bis dreimal pro Woche nach Krung Thep, der Stadt der Engel.

Seit ihrem ersten Jahr am College of Performing Arts, damals war sie 19, ist sie Mitglied der Damrong Crew. Sie hat noch nie woanders gearbeitet, weil das Einkommen als Tänzerin am Phra Prom relativ hoch ist. 

„Es ermöglichte mir während des Studiums Geld zu verdienen und erlaubte mir eine Familie zu gründen“. Sie verdient täglich um 2’000 Baht netto - inklusive Trinkgeld, Steuern bezahlt.

Drei Kinder zu gebären war kein Problem. Kanyanaan tanzte sogar bis in den fünften Monat ihrer Schwangerschaften. Die Kostüme lassen bis zu einem gewissen Mass einen wachsenden Bauch verstecken. 

14 Uhr. Sie trifft die anderen Crew Mitglieder im Umkleideraum. Die Gruppe umfasst 14 Tänzerinnen, nur acht werden für einen Tageseinsatz benötigt. Die Damrong Crew wurde von der Tao Mahaprom Foundation, der Verwalterin des Schreins, ausgewählt und gehört seit 20 Jahren als feste Grösse zum Erawan Schrein, seit dort getanzt wird. Sie ist eine von vier, welche jeweils 15 Tage im Monat alternierend in Tages- und Nachtschichten von 8.30 bis 16.30, bzw. 16.30 bis 22.30 Uhr auftritt. Die Damrong Crew ist immer an den ungeraden Tagen dran.

15 Uhr. Der weisse Van steht bereit, Tänzerinnen und Musiker werden zum Schrein transportiert. Sie kommen in farbenfrohen, leuchtenden Kostümen, die männliche und weibliche Engel darstellen, tragen lediglich noch keine Chada, die goldene Kopfbedeckung. Kanyanan ist ein männlicher Engel, trägt ein dunkelblaues und orangefarbenes Kostüm. Während der Fahrt hatten einige noch ihre Makeup vollendet, andere nickten kurz ein. Dann später stoppt der Van vor dem Schrein.

An diesem Nachmittag war er, üblicherweise gefüllt mit Touristengruppen und betenden Thais, nahezu leer. Banner hingen am Zaun, „Ruht in Frieden“ und „Stärker zusammen“ waren die Botschaften. In der Luft schwebten nur wenige der wohlriechenden Schwaden mit dem Geschmacks von Räucherstäbchen. 

Von der Explosion war eines der vier Gesichter des Phra Prom beschädigt, die Hälfte des Kinns fehlte. Aber das Fine Art Department hatte bereits mit der Reparatur begonnen. An Tänzerinnen und Musiker wurden Räucherstäbchen und Blumen verteilt. Jedes Mitglied der Crew umrundete die Statue, bezeugte dem vierköpfigen Gott ihren Respekt.

16.30 Uhr, die Schicht begann. Da waren vier Musiker, einer mit Taphon, der Trommel, einer mit Ching, Becken, die beiden anderen spielen Ranad, das Thailändische Xylophon. Die Tänzerinnen singen zu jedem Lied. Ihre Worte verschmelzen mit dem Klang der Instrumente, kreieren eine wunderbare Resonanz und heilige Ambiente.

Wer will kann für eine Aufführung Tänzerinnen mieten. Man kniet auf ein Kissen vor den Tänzerinnen und betet, belohnt den Tanz am Ende mit einem schönen Trinkgeld. „Viele sind Stammkunden. Manche kommen jedes Jahr, zeigen uns sogar Fotos von früher. Es sind nette Menschen“, sagt Kanyanan.

Einfache Worte auf Englisch werden ausgetauscht. Es braucht kein grossartigen Sprachkenntnisse, weil die Tänzerinnen nur wenig Zeit für ein Gespräch haben.

18.15 Uhr, es wird dunkler. Passanten zünden im Gedenken an die Opfer entlang des Zauns Kerzen an, Blumen werden niedergelegt.

Normalerweise ist 19 Uhr die geschäftigste Zeit des Tages, der Schrein voll mit Busladungen von Touristen und Thais, die Feierabend haben. Diesen Freitag blieb’s ruhig. Trotzdem wurde getanzt. Die Tänzerinnen ruhten sich zwischendurch nur kurz aus. Zwei, vier, sechs oder alle acht - die Anzahl hängt davon ab, wie viele der Kunde will. Aber auch wenn nur zwei tanzen singen die anderen hinter dem Orchester mit.

„Manchmal tanzen wir in einer Schicht mehr als hundert Lieder, wiederholen die einstudierten 10 in wechselnder Reihenfolge. Es gibt keine vorgegebenen Ruhezeiten. Kurz auf die Toilette oder etwas essen geht nur, wenn keine Kunden da sind. In der Hochsaison oder an religiösen Feiertagen gibt es gar keine Pausen.“

21 Uhr. Die Putzfrauen beginnen den Boden von Blumenblüten zu reinigen. Üblicherweise wird bis 22.30 Uhr getanzt, der Schrein selbst schliesst um 23 Uhr. Aber am ersten Tag nach dem Attentat wird eine Stunde früher geschlossen.

Nach mehr als einem Jahrzehnt hat Kanyanan nur noch sieben Jahre als Tänzerin am Phra Prom. Das Alterslimit liegt bei 40. Sie nutzt ihre Freizeit zur Weiterbildung, möchte danach vielleicht als Kosmetikerin arbeiten.

„Die meisten der Tänzerinnen sind künstlerisch begabt. Sie können Nähen, Schminken oder Haare gestalten. Einige haben ihre eigene traditionelle Thai Tanz Gruppe zusammengestellt.“

21.22 Uhr, alle führen gemeinsam den letzten Tanz auf. Sie packen, verstauen sorgfältig ihre Chada. Die Atmosphäre ist entspannt, es gab keine Vorfälle. Alle sind müde, aber sie sind es sich gewohnt.

Der Van wartet, wird sie zurück zum Umkleideraum bringen. Danach muss Kanyanan einen Bus erwischen, noch einmal umsteigen bis sie ihr Mann auf halben Weg nach Ayutthaya abholen kommt.

Sie sagt, sie hätte sich vom Schrein schon manchmal etwas gewünscht. Als einer der Musiker einen schweren Unfall hatte, betete sie für ihn. Ein anderes Mal für ein Kind. Beide Wünsche wurden erfüllt, zum Dank kroch hundert mal um die Statue. Sie erklärt, als Tänzerin könne sie zur Erfüllung ihrer Wünsche nicht für den Gott tanzen. Deshalb wählte sie Kriechen.

„Tief drin haben sie noch immer Angst“, sagt Anuwat, der Leiter der Gruppe, „aber sie glauben noch immer an Phra Prom. Das ist die Kraft des Glaubens.“

Quelle: Bangkok Post

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