Montag, 31. August 2015

Off-Road und ausser Kontrolle

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Ein flüchtiges Schweigen lag über dem dichten Dschungel. Ein Unheil verkündendes Vorzeichen des Horrors, der sich bald entfalten sollte. Noch Sekunden zuvor hatte der Sound eines hochdrehenden Motors von einer Wagenladung Touristen begeistert Beifall entlockt. Das Flackern der Ruhe wich Schreien und dem unverwechselbaren Knall von zerschmetterndem Metall.

Sightseeing vor Sicherheit: Touristen sitzen im Krähennest, sprich auf dem Dach für eine Off-Road Tour.
Für jene, die öfter auf diesen Pfaden unterwegs sind, ist es ein schmerzhaft vertrauter Lärm.

Die Strasse, die zum Namuang Wasserfall führt, einer beliebten Touristenattraktion im Süden Ko Samui’s, ist steil und gefährlich. Kaum einen Kilometer lang ist sie unbefestigt und schlecht unterhalten. Eine Stück loser Steine und Erde, skizziert von Fahrspuren, die sich während des Monsuns nach und nach vertiefen.

Kaum hatten die belgischen Touristen Mark Blockhuys und Johanna Lowist ihre Mietroller am Fuss des Hügels abgestellt, wurde ihnen eine Fahrt auf einem 4x4 Pickup zum Wasserfall angeboten. Die Fahrzeuge waren erheblich verändert worden. Ein sogenanntes Krähennest thronte auf dem Dach der Fahrerkabine, ein Stahlrahmen umgab die Sitzbänke auf der Ladebrücke.

„Ich bin ein grosser Off-Road Fan und besitze selbst einen Chevrolet Pickup, den ich ab und zu im Gelände bewege“, sagt der 45-jährige Blockhuys. „Aber die Idee auf der Brücke oder gar dem Dach durchgeschüttelt zu werden gefiel mir nicht und ich sagte: wir gehen zu Fuss.“

Die Deutsche Alice Gehlen und ihre Kusine Josefine Marks erreichten ungefähr zur selben Zeit den Ausgangspunkt. Am Ende ihrer zwei Wochen in Thailand wollten sie sich noch den Wasserfall ansehen. Auch sie wurden aufgefordert, mit dem Pickup zu fahren. Beide bezahlten je 100 Baht und kletterten auf das Krähennest.

Horror Szenario

Während sie zu Fuss unterwegs waren, kamen das belgische Paar an eine Weggabelung. Einer der Pfade führt direkt, aber sehr steil auf den Gipfel des Hügels. Sie entschieden für den längeren, aber sanfter ansteigenden Weg. Hinter ihnen setzte sich der Allrad Pickups, vollbeladen mit Passagieren, in Bewegung.

„Meine Frau meinte noch, wir sollten aus dem Weg gehen, weil wir das Motorengeräusch deutlich hören konnten. Wir konnten den Pickup nicht sehen, wollten aber genügend Abstand halten, wenn er an uns vorbeifährt. Aber der Wagen fuhr geradeaus und nahm den steilen Pfad.“

Was als nächstes geschah, bleibt Gegenstand der polizeiliche Ermittlungen. Der Pickup mit Gehlen und ihrer Kusine rutsche irgendwie zurück bevor er sich drehte und auf dem Dach liegend zu stehen kam. Blockhuys und Lowist rannten in die Richtung, wo Schreie herkamen. Was sie sahen, beschrieben sie als Horror Szenario. Die Touristen, die meisten aus Singapur, kletterten aus dem Fahrzeug, aus dem Treibstoff auslief.

Die Unfallstelle mit dem Pickup von Samui Offroad Mountain Tours, unter dem Alice Gehlen getötet wurde.
Unter dem Pickup festgeklemmt war die 27-jährige Gehlen. Sowohl sie auch ihr Kusine waren wohl angeschnallt, aber angeschnallt auf dem Krähennest bedeutete in diesem Fall nichts Gutes. Blockhuys und Lowist, eine qualifizierte Erste-Hilfe Sanitäterin, traten in Aktion. „Unser erste Hilfe galt einem Mann, der auf einer Seite des Pickups halb herausragte“, sagte Blockhuys. „Er versuchte noch immer den Sicherheitsgurt seiner seiner schwangeren Frau zu lösen.“

Bald wurde klar, dass es Gehlen am schlimmsten getroffen hatte und der Pickup angehoben werden musste um sie befreien zu können. Das Fahrzeug war mit einem Wagenheber ausgestattet, aber der war an der vorderen Stossstange angeschraubt und konnte nicht ohne Werkzeug entfernt werden.

Unterdessen begann Gehlens Körpertemperatur zu sinken. Schliesslich gelang es mit Hilfe von sechs Personen, den Pickup genügend anzuheben um sie aus den Trümmern zu ziehen.

„Meine Frau fühlte ihren Puls am Handgelenk, ich am Hals“, sagte Blockhuys. „Leider gab es keinen mehr. Ihr Körper und auch ihr Kopf erlitten schwere Verletzungen. Deshalb versuchten wir keine Reanimation. Wir glauben, sie war sofort tot.“

„Der Unfall war unvermeidlich“

Es gibt vier Unternehmen, die auf Ko Samui Off-Road Safaris anbieten. Die grösste ist Samui Offroad Mountain Tours. Sie gehört dem Besitzer des Namuang Safari Parks, wo der Unfall am 5. August geschah.

Für die Bewohner Ko Samui’s gehören die Safari Pickups schon lange zu einer bekannten Bedrohung. Nicht nur für häufige Unfälle auf den Feldwegen und Pisten der Insel berüchtigt, sondern auch für die Belästigungen auf den engen öffentlichen Strassen. Ein Angestellter des Namuang Safari Parks bestätigt, dass einige der Unternehmen einen schlechten Ruf hätten, die Kritik aber unberechtigt sei.

„Wir sind ein grosses Unternehmen, die Bewohner gehen davon aus, dass alle Safari Touren schlecht sind. Viele sind wegen dieses Missverständnisses gegen uns“, sagt der anonym bleiben wollende Mann. „Der Unfall war unvermeidlich, aber wir wehren uns nie dagegen, die volle Verantwortung zu übernehmen.“

Die Firma organisiert Dschungel Safaris als Tagesausflüge für Touristen, die sie normalerweise in Reisebüros von Hotels buchen. Aber die Fahrer wollen ihr Einkommen aufbessern. Wenn’s noch freie Plätze gibt, nehmen sie auf der Fahrt zum Wasserfall für 100 Baht auch andere Besucher mit.

Der Angestellte gab an, dass sein Unternehmen für alle Verantwortung übernehme, auch diejenigen, die keine Tour gebucht hätten, weil sie zuvor Eintritt ins Privatgelände des Safari Parks bezahlen mussten. Ob sie zu Fuss zum Wasserfall hochgehen oder auf einem Pickup heraufführen, die Firma garantiere in beiden Fällen für die Sicherheit und behandle alle gleich.

Ein Verantwortlicher des Unternehmens sagte, dass alle ihre Fahrer schon vor einer Anstellung „ziemlich erfahren“ sein müssten. Einmal angestellt, erhielten sie professionelles Off-Road Fahrtraining, bevor sie Touristen transportieren dürfen. Sie würden regelmässig auf Alkohol getestet und ihre Blutwerte untersucht.

„Wir machen nicht alles dafür, ein Unternehmen von höchster Qualität zu sein“, sagte der Angestellte, der nicht mit Namen genannt werden will. „Wir ziehen es vor, unseren eigenen Standards zu genügen und lassen uns Zeit, der Öffentlichkeit zu zeigen, dass wir keine verantwortungslose Firma sind.“

Der Unfall vom 5. August ist der zweite, in den Samui Offroad Mountain Tours in den letzten Jahren involviert war. Letztes Jahr wurden acht Touristen verletzt, als bei einem der Fahrzeuge auf einem steilen Abschnitt entlang des Maenam Soi 5 bergab die Bremsen versagten.

Die Firma ist nicht die einzige mit einer schlechten Sicherheitsbilanz. Im Februar wurden zwölf Touristen in der Nähe des Na Nim Wasserfalls verletzt, als ihr Pickup von Funny Day Safari in einen ähnlichen Unfall verwickelt war. Ein Zeuge berichtete der Polizei, dass Fahrzeug sei mit hoher Geschwindigkeit unterwegs gewesen, bevor es von der Strasse abkam.

Es gibt noch viele weitere Berichte, meist aber nur anekdotisch, weil die Bewohner Angst haben an die Öffentlichkeit zu gehen. Sie sprechen von einer gesetzlosen Insel, beherrscht von kriminellen Interessen und Schattenwirtschaft. Ruf schädigende Ereignisse - von Safari Unfall bis Mord - würden zur Erhaltung des Images bedeckt gehalten.

Von den drei anderen Unternehmen, welche Off-Road Touren auf Ko Samui anbieten, wollte sich keine offiziell äussern.

Katastrophe in Lauerstellung

Der Präsident des Tourismusverbandes von Ko Samui, Sene Puwasetthaworn, sagt, die Behörden wären sich dem Safari Problem seit einiger Zeit bewusst, hätten aber nichts für mehr Sicherheit unternommen.

Üblicherweise bewegten sich die Safari Pickups auf öffentlichen Strassen zur Vermeidung von rechtlichen Folgen vorsichtig, aber einmal im Gelände, würden die Fahrer stoppen und ihre Gäste aufs Dach klettern lassen.

„Ich sagte mir selbst immer wieder, dass es eines Tages zu einem tragischen Unfall kommen wird, weil das Sitzen auf dem Dach eines Fahrzeuges auf unbefestigten und gebirgigen Strassen überhaupt nicht sicher ist. Es ist eine Katastrophe in Lauerstellung.“

Er hätte sich beim Gouverneur und Distrikt Chef dafür eingesetzt, die Krähennester auf den Dächern der Pickups zu verbieten und Bedenken über die Qualität der Ausbildung der Fahrer geäussert. Aber es geschah nichts.

„Sie halten sich ans Gesetz, wenn sie gesehen werden. Aber einmal in privatem Gebiet brechen sie es jeden Tag. Und die Touristen machen mit. Sie hüpfen und tanzen auf dem Dach der Pickups. Es ist unglaublich gefährlich.“

Sene weist schnell darauf hin, dass Pickup Unfälle nur eines einer ganzen Litanei von Problemen sei, die das Bild von Ko Samui freundliche Destination für Touristen schädigen. Raub von öffentlichem Grund, Betrug bei der Vermietung von Jet-Skis und Motorrädern wären ebenfalls weit verbreitet und nur lasch von den Behörden verfolgt.

„Die NCPO kam nach dem Putsch für eine Weile hierher, hielt alles für eine Weile unter Kontrolle. Aber sobald sie weg war, ging alles wieder seinen gewohnten Weg. Ich wünsche mir strengere Gesetze zur Kontrolle der illegalen Aktivitäten.“

Über dem Gesetz

Gehlens Tod war gemäss Polizeioberst Paithoon Krajajang, Superintendent von Ko Saums, der dritte tödliche Unfall mit Off-Road Safari Pickups in den letzten Jahren. Statistiken über die Anzahl Verletzte gibt es nicht.

Er sagte, dass, auch wenn die Modifikation an der Safari Pickups offensichtlich illegal sind, die Polizei kaum etwas dagegen machen könne, da sie meist auf Privatgeländen eingesetzt werden.

„Das ist eine Touristen Destination. Da gibt es viele Ausnahmen von Gesetzen, welche die Erlebnisse von Touristen unvergesslich machen sollen. Leider ist dies eine davon. Es gibt viele, die Nervenkitzel suchen und gefährliche Abenteuer erleben wollen. Wenn Bedarf besteht, gibt es Angebote.“

Oberst Patihoon sagt, dass seine Beamten täten, was sie konnten. Durchsetzung der Höchstgeschwindigkeit auf öffentlich Strassen. Aber sobald sich die Pickups auf private Strassen begeben, gebe es nichts, was sie tun könnten.

Die Untersuchung des Unfalls, der zu Gehlens Tod führte sei noch am Laufen. Der Fahrer hatte der Polizei gesagt, dass eine der beiden Touristinnen im Krähennest - entweder Gehlen oder Marks - auf’s Dach geklopft habe, weil der „Sitz sich gelöst habe“. Als er ausstieg, rutschte das Fahrzeug den Berg herunter und drehte sich. Noch ist nicht klar, weshalb.

„Ich kann garantieren, dass wie an diesem Fall dranbleiben“, sagt Paithoon. „Wir wischen nichts unter den Tisch. Wir sind der Beschwerdeführer in dieser Sache, weil es ein Strafverfahren ist.“

Bestehen der Prüfung

Zumindest ein Teil des gerichtlichen Vorgehens gegen Samui Offroad Mountain hängt wahrscheinlich davon ab, ob die Modifikationen am Fahrzeug als gesetzeswidrig eingestuft werden. Narong Chuming, Experte der Fahrzeug Kontrollstelle von Ko Samui, sagte, dies sei annähernd sicher.

Narong sagte weiter, dass jede Art von Modifikation ohne Bewilligung das Gesetz breche und ein modifiziertes Fahrzeug die jährliche Prüfung nicht bestehen könne.

„Ich habe noch nie ein derartiges Fahrzeug zur Verlängerung der Lizenz herfahren sehen. Es ist möglich, dass sie von privaten Unternehmen geprüft werden. Wenn Fahrzeugbesitzer und Prüfer sich kennen, kann es ohne weiteres eine Jahres-Plakette geben. Bei uns würden sie die Prüfung nie bestehen.“

Eine Lücke im Gesetz erlaubt jedoch Tour-Anbietern ganz auf eine Prüfung zu verzichten. Wenn die Fahrzeuge weniger als sieben Jahre alt sind, muss das Fahrzeug für die jährlich anfallende Verlängerung der Zulassung nicht gezeigt werden. Die Pickups von Samui Offroad Mountain Tours scheinen aktuelle Modelle zu sein.

„Du wirst immer in unseren Herzen weiterleben“

Weniger als einen Monat nach dem Unfall machen die Dschungel Safari Anbieter auf Ko Samui weiter wie bisher. Lokale Quellen sagen, das das Vorgehen der Polizei gegen die Krähennester für einige Tage nach dem Unfall anhielt. Aber bereits letzte Woche waren die Fahrzeuge wieder voll im Einsatz und im Namuang Safari Park konnten letzten Donnerstag auf den Dächern der Pickups Touristen gesehen werden. Der Besitzer von Samui Offroad Mountain Tours baut gemäss Berichten sein lukratives Geschäft weiter aus.

Gehlens Familie musste sich inzwischen um den traurigen Prozess der Rückschaffung kümmern. Ihr Vater sagt, seine Tochter sei eine erfahrene Reisende gewesen und habe Asien sehr geliebt.

„Alice war ein offene und positive Person, immer freundlich und offen für andere Kulturen. Sie liebte Asien und vor allem Thailand, wegen der Freundlichkeit der Menschen. Nach  Reisen berichtete sie begeistert von ihren Erlebnissen und Erfahrungen.“

Sie hätte am 8. August, drei Tage nach dem Unfall, zurück in Düsseldorf sein sollen. Ihr Vater sagte, dass er sich des Unfalls nach einem Anruf von Marks erstmals bewusst wurde. Aber das Versagen der Behörde richtig zu kommunizieren und zu unterstützen hätten die Angst der Familie verlängert.

„Es dauerte zwölf Tage ihre sterblichen Überreste nach Deutschland zu bringen. Diese wertvolle Zeit fehlt, um von ihr in Würde Abschied zu nehmen. Sie bedeutet der Familie einen Verlust, der nicht mit Worten beschrieben werden kann. Ihr Verlobter hat seine wertvollste Partnerin verloren, mit der er sein Leben verbringen wollte.“

Letzten Donnerstag wurde in einer deutschen Zeitung eine Todesanzeige veröffentlicht: „Du bist fort, aber du wirst für immer in unseren Herzen weiterleben“. Statt für Blumen, bat die Familie um Spenden für Alice Gehlens Patenkind in Afrika.

Herr Gehlen will eine Zivilklage gegen die Samui Offroad Mountain Tours einreichen. Ein Rechtsanwalt aus Deutschland, Martin Radermacher, bestätigte, dass er die Familie vertreten wird.

„Das Geschehen nach dem Unfall muss unglaublich unprofessionell und ohne Engagement von niemanden an Ort und Stelle zu und her gegangen sein“, sagte Gehlen. „Wir haben zu keinem Zeitpunkt Hilfe oder Informationen von einer staatlichen Stelle erhalten, weder von unserem eigenen Land noch von Thailand.“

Das wird vom belgischen Paar, welches als erste an die Unfallstelle kam, bestätigt. „Wir sind enttäuscht, dass so wenige Leute uns helfen kamen. Wir waren wütend, dass es keinen organisierten Notfallplan gab und frustriert, dass unschuldige Menschen zu einer Aktivität mit sehr hohem Risiko gedrängt wurden“, sagt Blockhuys.

„Niemand verdient in einer solchen Situation allein gelassen zu werden. Jeder verdient eine Rettungsversuch.“

Quelle: Bangkok Post

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