Samstag, 22. August 2015

Nie die Hoffnung verlieren

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Im August 2011 musste eine Mutter im Mae Sot General Hospital eine Entscheidung treffen, die Eltern nie treffen sollten. Drei Tage zuvor hatte sie ein Kind geboren und war auf der Suche nach medizinischer Hilfe alleine sieben Stunden von ihrem Heimatdorf im Osten Burmas durch den Dschungel gelaufen. Ihrer neugeborenen Tochter ging es nicht gut. Erst ging sie in eine Klinik in Burma, dann über die Grenze nach Thailand ins Song Yang Hospital. Beide konnten Naut Naut nicht helfen, sie war zu krank und musste in einem besser ausgerüsteten Spital behandelt werden.


Naut Naut mit ihrer Mutter beim ersten Wiedersehen nach vier Jahren. 
Schliesslich brachte sie ihr Kind ins Mae Sot General Hospital. Sie erfuhr dort, dass Naut Naut operiert und anschliessend eine lange Behandlung benötige. Sie war alleine, hatte kein Geld, blutete noch immer von der Geburt und hatte weder Pass noch sonstige Dokumente. Sie war in einem fremden Land, konnte die Sprache nicht sprechen und war bedroht jederzeit als illegale Migrantin verhaftet zu werden. Sie konnte nicht bleiben. Aber mit Naut Naut zurückkehren würde den Tod des Mädchens bedeuten.

An der Thai-Burmesischen Grenze ist es nicht unüblich, ein frischgeborenes, aber schwer krankes Kind in einem Spital zu lassen. Die Eltern, da unmöglich für sie, sich um ein schwer krankes Kind zu kümmern, halten es oft für die beste Option ihr Kind in der Obhut eines Spitals zu lassen. Sie hoffen, dass es dort die notwendige Pflege erhält.

Als Naut Naut ins Tha Song Yang Hospital kam, verschlechterte sich ihr Zustand rapide. Die Diagnose lautete auf Lungenentzündung und Atemstillstände. Die Lungenentzündung konnte im Mae Sot General Hospital geheilt werden, aber, zurückgekehrt ins Thai Song Yang, wurde Leberversagen festgestellt. Die Ärzte konnten sie stabilisieren, aber das Krankenhaus war nicht für die Operation ausgestattet, die sie brauchte. Weil die Eltern nicht erreichbar waren, kontaktierte das Spital den Burma Children Medical Fund, BCMF, eine Organisation, die Kindern Zugang zur Behandlung von schweren gesundheitlichen Problemen bietet.

BCMF nahm sich Naut Naut an und veranlasste einen Transport ins 500 Kilometer entfernte Maharaj Nahkorn Hospital in Chiang Mai. Im Jahr darauf wurde sie von früheren Patienten der Organisation betreut, bis sie schliesslich operiert werden konnte. Der Eingriff war erfolgreich und Naut Naut erholt sich vollständig. Sie konnte nicht nach Hause zurück, aber es war auch niemand da, der sich um sie kümmerte. Die BCMF kontaktierte deshalb Life Impact International, eine Organisation, die Kindern in Not in Thailand und Burma unterstützt. Dank deren Hilfe konnte Naut Naut zu einem gesunden jungen Mädchen heranwachsen. Jetzt vier Jahre alt, kommt sie bald in die Schule.

Während der vier Jahre, seit Naut Naut erstmals mit BCMF in Verbindung gebracht wurde, hatte die Direktorin Kanchana Thornton sie nie vergessen und versuchte eine Wiedervereinigung der Familie zu ermöglichen. Annähernd ohne Informationen zur Identifikation der Eltern war ihr dies bis Ende 2014 unmöglich. Dann ging die BCMF mit einer Klinik in Osten Burmas eine Partnerschaft ein. Das Einzugsgebiet der Klinik umfasst auch die Region, in der die Eltern von Naut Naut vermutet wurden. Kanchana berichtete dem Chefarzt von der Geschichte des Mädchens. 

An einem heissen, feuchten Tag im Juli fuhr ein Van mit Naut Naut, ihren Pflegeeltern, einem Journalisten und sechs Angestellten von BCMF von Mae Sot über den Moei nach Burma. Eine ehemaliges Camp einer Miliz war als Treffpunkt ausgewählt worden. Als sie ankamen, war die Familie des Mädchens bereits da. Sie waren fünf Stunden durch den Dschungel gelaufen, entlang einer Strasse, die auch bei guten Konditionen nicht viel mehr als ein Pfad und bei starken Regenfällen nicht benutzbar ist. 

Als die Eltern Naut Naut sahen, knieten sie vor ihr, umarmten sie und stellten sich flüsternd vor. In der Zwischenzeit hatte das Mädchen zwei Geschwister bekommen und bald spielten die drei miteinander. Naut Naut ist noch zu jung, die Bedeutung des Wiedersehens wirklich zu verstehen, aber ihre Eltern sind überglücklich und dankbar.

„Wir hätten nie gedacht, sie jemals wieder zu sehen“, sagte ihre Mutter, „wir sind so dankbar.“ Sie erzählte, dass sie nach ein paar Wochen zur ersten Klinik, in die sie Naut Naut gebracht hatte, zurück gegangen sei, ihr aber gesagt wurde, dass ihre Tochter noch immer sehr krank sei und operiert werden müsste. Danach war es ihr unmöglich Informationen zu erhalten und sie gab die Hoffnung auf ein Wiedersehen auf.

Als es Zeit wurde zu gehen waren die Gefühle bittersüss. Naut Naut hatte endlich ihre Familie gefunden, aber sie konnte nicht mit ihnen zusammen bleiben.

„Sie kann im Dschungel kein gutes Leben führen“, sagte ihr Vater. „Besser, dass jemand für sie sorgt, der ihr eine gute Zukunft bieten kann und ihr ermöglicht zur Schule zu gehen.“

Naut Naut wird bei ihren Pflegeeltern bleiben und die Schule besuchen. Aber dank der Unterstützung von Life Impact und BCMF kann sie mit ihrer Familie in Kontakt bleiben und zukünftig immer wieder Zeit mit ihr verbringen.

Die Geschichte von Naut Naut ist eine von unglaublich viel Glück, aber sie dient auch als Mahnmal für die staatliche Gesundheitsvorsorge Burmas. Keine anderer Staat der Welt gibt so wenig für Gesundheit aus. 

Mütter und Säuglinge sind in Burma besonders gefährdet. Die Kindersterblichkeit zählt zu den höchsten in Asien: 40 von 1’000 Neugeborenen überleben das erste Lebensjahr nicht. In Thailand sind es 11 von 1’000. Noch schlimmer ist die Situation für Minderheiten wie die Karen oder Shan im Osten Burmas. Sie haben noch weniger Zugang zu medizinischer Versorgung und sind seit Jahrzehnten von Verfolgung und bewaffneten Konflikten geplagt.

Unter diesen Bedingung war der stundenlange Marsch durch den Dschungel, die illegale Grenzüberquerung nach Thailand und sie unter der Obhut der Ärzte und Pfleger des Spitals zurück zu lassen die einzige Chance für das Überleben. Naut Naut hatte Glück, die Behandlung zu erhalten, die nötig war und ihre Familie wieder zu finden. 

Aber für jede Geschichte wie die von Naut Naut gibt es viele mehr von Kindern, die zurückgelassen entweder sterben oder ihre Kindheit in einem Waisenhaus verbringen müssen.

Quelle: Karen News

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