Samstag, 29. August 2015

Grosses Geschrei, wenig Fakten

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Der Nebel des Krisenmanagements in Thailand kann dicht und schwer liegen. Fast vierzehn Tage nach der mächtigen Explosion im Zentrum Bangkok’s haben die Behörden so gut wie keine Fortschritte gemacht. Führende Beamte von Premierminister Prayut bis zum nationalen Polizeichef und ihre Sprecher haben alle an unterschiedlichen Tagen unterschiedliche Statements abgegeben. Sie entlarven sowohl nachlässige Untersuchung des Tatorts als auch schwache Strafverfolgung. 


Ermittlungen der Polizei nach dem Attentat am Erawan Schrein.  
Von Anfang konzentrierten sich die Ermittlungen auf Identität, Netzwerk und Motiv des von Sicherheitskameras gefilmten, vermeintlichen Bombenlegers. War es die Tat von verärgerten Thais, stecken von Thailand geschädigte Ausländer dahinter und wird so etwas wieder passieren, dieses nie zuvor erlebte Muster von Terrorismus?

Um es gleich zu sagen, wenn Thailand von schwerwiegenden internen oder externen Schocks heimgesucht wird, wie der Wirtschaftskrise 1997 oder dem Hochwasser 2011, tendiert das Beamtentum in Myriaden von Richtungen zu antworten. Geprägt von Widersprüchen, Aufruhr, Verwirrung und Windungen. Krisenmanagement ist keine Thai Stärke, aber Thais können sich bis sie vorbei sind gut durchwursteln und hoffen am Ende, dass sie nie mehr kommen. Und sie sind geschickt, die Scherben aufzulesen.

Nach dem Attentat hörten wir den Premierminister sich eine Strafverfolgung in der Art der TV-Serie Blue Bloods wünschen. Der Regierungssprecher, Generalmajor Gansern Kaewkamnerd reagierte schnell und vermutete, dass es sich um eine Tat von politischen Gegnern der Militärregierung handeln könnte. Noch lassen sich sowohl General Prayut als auch Verteidigungsminister und General Wongsuwan alle Möglichkeiten offen. General Somyot Poompanmoung, der nationale Polizeichef, verwies auf Karma und Ausrichtung der Sterne, ob der oder die Täter jemals geschnappt werden können. 

Sein Sprecher, Generalleutnant Prawut Thavornsiri bestand darauf, dass das schlimmste je in Bangkok erlebte Attentat kein Akt von internationalen Terroristen sein konnte. Sogar wenn es Terrorismus sei, könne es nicht als Terrorismus bezeichnet werden, weil Thailand vom Tourismus abhängig ist.

Andere Kommentare von öffentlichen Stellen machten die Runde. Gerüchte und Verschwörungstheorien auf Sozialen Medien spannen den Bogen von Innenauftrag der Regierung selbst, über die Opposition und südliche Aufständische bis zu internationalen Terrornetzwerken oder gar einem inländischen Auftraggeber, der für die Tat einen Ausländer angeheuert hatte.

Es ist sinnvoll erst die Fakten anzuschauen. Ausmass, Intensität und Letalität der Bombe sind in Thailand beispiellos. Wenn es im tiefen Süden passiert wäre, wäre es ohne Schwierigkeiten internen Streitigkeiten zuzuordnen. Klar war diese abscheuliche Tat mit ihrem hohem Blutzoll Terrorismus. 

Terroristen handeln nicht nach Zufall. Sie wählen Ort und Aktion gezielt. Das wurde an diesem Montag Abend zur Rush-Hour deutlich. Es ist der einzige Tag der Woche, an dem die Strassenverkäufer rund um den Erawan Schrein keine Girlanden und Blumen verkaufen dürfen. Wenn die Behörden zu genau diesem Zeitpunkt die Besucher zählen würden, wäre die Mehrheit Ostasiaten, keine Thais. 

Um noch mehr Schaden anzurichten hätte der Attentäter die Rucksackbombe im nahen Central World oder Siam Paragon hochgehen lassen können. Er hätte den Tag zuvor wählen können, als Zehntausende zum Geburtstag der Königin durch Bangkok radelten. Oder andere Tage, an denen beim Schrein auch die Geschäfte der Strassenhändler auf Hochtouren laufen. Die Tatsache, dass der Montag Abend gewählt wurde, darf nicht vernachlässigt werden.

Auch die Aussagen der Zeugen sprechen für sich. Sowohl der Tuk-Tuk Fahrer, der den Verdächtigen zum Schrein brachte, als auch der Motorrad Taxifahrer, der ihn wegbrachte, bestanden darauf, dass er nicht Thai sprach. Die Indizien Timing und Ort, wie die Zeugenaussagen scheinen die einzigen zuverlässigen Fakten im Dunkel der nachlässigen Forensik der Polizei zu sein.

Für jeden Mitspieler in der Thai Politik würde eine derartige Bombenexplosion ein nicht kalkulierbares Risiko ohne Ergebnis bedeuten. Anti-Regierungsfraktionen können das Militärregime durch ein solche Aktion nicht verdrängen. Die amtierende Junta braucht sicher keinen Terroranschlag zur weitern Schwächung der Wirtschaft weiter und um aufzuzeigen, dass sie die öffentliche Sicherheit nicht gewährleisten können.

Wenn irgendeine Verbindung gefunden würde, wären einheimische Täter erledigt. Er, sie oder die Gruppe Staatsfeind Nummer 1 aller Thais. Das Risiko wäre einfach das Resultat nicht wert. Darüber hinaus gibt es weit erprobtere Möglichkeiten zur Destabilisierung des Landes. Beispielsweise Rohrbomben und Handgranaten mit kleinen Schäden und hoher Publizität.

Auf der anderen Seite haben die muslimischen Aufständischen noch nie Neigung gezeigt, ihren Kampf bis nach Bangkok auszuweiten. Sie haben Kommando und Kontrolle auf dem Terrain ihrer südlichen Enklaven. Die Art von Handwerk in der Hauptstadt trägt nicht die Handschrift der Gewalt im tiefen Süden.

Gewicht und Art der Beweise deuten zunehmend auf einen Anschlag ausländischer Gruppen hin. Eine Hypothese wurde nun nicht von den thailändischen Behörden, sondern von Anthony Davis erstellt. Er ist investigativer Journalist und Analyst in Sicherheitsfragen. Sein Finger zeigt auf die fanatischen und rechtsextremen Grauen Wölfe aus der Türkei. Sie könnten durch die Abschiebung von 109 muslimischen Uiguren motiviert worden sein. Ihnen droht ein ungewisses Schicksal. Die Abschiebung vor gut einem Monat hatte bereits zu Attacken auf thailändischen Einrichtungen in der Türkei geführt.

Die thailändische Regierung darf keine Möglichkeit ausschliessen. Sie darf sich nicht dem Terrorismus beugen und muss die Täter mit allen verfügbaren Mitteln auf Rechtsgrundlage und harten Beweisen verfolgen. Sie sollte mit ausländischen Geheimdiensten zusammen arbeiten, wenn das Verbrechen von Ausländern begangen wurde, inklusive einem Besuch in der Türkei um mehr über die Handschrift und das Handwerk extremistischer Gruppen zu lernen. Gab es beispielsweise schon ein Attentat mit einer Bombe der selben Bauart?

Die thailändischen Behörden müssen einen Akt von Terrorismus als solchen bezeichnen. Ein Terroranschlag beendet den Tourismus nicht, sofern er gezielt adressiert und verfolgt wird, Massnahmen zur Verhinderung zukünftiger Anschläge getroffen werden. Gleichzeitig sollten sie die Verbindung mit der Ausweisung der Uiguren nicht ausschliessen, weil sie sich zu sehr in Peking beliebt machen wollten. Die Wahrheit wird uns eine neue Ausrichtung ermöglichen und unseren zukünftigen Weg aufzeichnen. 

Das schlechteste Ergebnis würde sein, dass der Anschlag den Beginn einer Terrorkampagne markiert. Das erfordert von den thailändischen Behörden Wachsamkeit und langfristig grosse Aufmerksamkeit. Das am wenigsten schlechte Ergebnis wäre, dass das Attentat am Erawan Schrein ein einmaliger, mysteriöser Vorfall bleibt, in Thailand in Verschleierung und Vergessenheit gerät ohne sich zu wiederholen. Wir alle wären froh darüber.

Von Thitinan Pongsudhirak in der Bangkok Post. Er ist Assistenzprofessor und Direktor des Institute of Security and International Studies an der Fakultät für Politikwissenschaften der Chulalongkorn Universität.

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