Montag, 15. Juni 2015

Verfolgt von Geistern der Abtreibung

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Noi überprüfte ihre Liste. Sie wollte nichts Wichtiges für ihr Baby vergessen. Fein säuberlich packte sie eine Milchflasche, Süssigkeiten und Spielzeug ein, sie war bereit für die Reise. Aber die Utensilien in ihrer Tasche waren nicht für ein lebendes Kind. Einmal im Jahr nimmt Noi an einer Zeremonie im Wat Kae in Suphan Buri teil. Beladen mit Gaben für ihre Tochter, die sie im Alter von 13 abgetrieben hatte.

Goldjunge: Der Wat Kae in Suphan Buri ist ein beliebter für Abtreibungsrituale - weil gesagt wird, das hier im 16. Jahruhundert der erste Kuman Thong gemacht wurde. 
„Nach all dieser Zeit fühle ich, dass Mint immer noch bei mir ist.“ Sie versuchte ihr Unbehagen zu erklären, dass sie seit beinahe 20 Jahren verfolgt. „Ich weiss nicht, ob es sie irgendwo gibt, aber mein Leben wurde viel besser und erfolgreicher, seit ich mich damit auseinander setze.

Abtreibung ist in Thailand mit wenigen Ausnahmen illegal, aber es gibt unzählige Kliniken in versteckten Gassen, die sie durchführen.

Sich der Religion zuzuwenden half Noi die Folgen ihrer Entscheidung zu bewältigen. Sie, und Tausende anderer Frauen wie sie, setzten ihr Vertrauen in buddhistische Abtreibungszeremonien. Die Zeremonien sollen sie von ihren Sünden befreien, als sie jung und rücksichtslos waren.

Der Schwarm eines Schulmädchens

Mit 32 ist Noi erfolgreich und arbeitet in einem hoch angesehenen Beruf. Aber vor 19 Jahren, als sie 13 war, verliebte sie sich in einen „Bad Boy“, Mitglied einer lokalen Motorrad Gang.

Sie war in eine wohlhabende Familie geboren worden und ihre Kindheit war nahezu perfekt, bis sich eines Tages ihre Mutter von ihrem Vater scheiden liess. Zurückgelassen bei ihrem Vater, der damals in der Navy Dienst leistete, sehnte sich nach der Aufmerksamkeit, die sie zu Hause nicht mehr erhielt.

Jeder warnte sie vor dem Jungen, aber Noi war erstmals in ihrem Leben verliebt und verfiel seinem Charme. Eins fügte sich zum anderen, aber alles war gut bis ihre Periode zum dritten Mal ausblieb. Sie kaufte einen Schwangerschaftstest und sah sich ihrem schlimmsten Albtraum gegenüber. „Mein Vater bringt mich um, wenn er davon erfährt“, vertraute sie sich einer Klassenkameradin an. Sie wusste, dass es keinen Weg gab, ihrer Familie die Schwangerschaft zu beichten.

Sie bat ihren Freund um Hilfe. Er wollte nichts mit einem Kind zu tun haben. „Werd es los“, sagte er und gab ihr 3’000 Baht für eine Abtreibung.

Verlassen und alleine fühlte Noi, dass ihr nichts anderes übrig blieb. Sie fragte eine Freundin, sie zu einer illegalen Abtreibungsklinik ausserhalb von Bangkok zu begleiten. Eine Woche ging sie nicht zur Schule und kam zurück, als sei nichts gewesen.

„Ich werde diese Erfahrung nicht vergessen“, sagte Noi. „Sie verfolgt mich für den Rest des Lebens.“

Viel zu jung

Bong sagte, dass die Abtreibung die schlechteste Entscheidung ihres Lebens war. Sie hatte ihren Freund mit 16 getroffen. Die Verliebten verbrachten jeden Moment zusammen, bis sie ein Jahr später schwanger wurde. Bong war sicher, dass ihr Freund sich um sie kümmern würde, was immer auch geschehe. So fassten sie Mut zur Wahrheit und erzählten es ihren Eltern.

Mutter noch Vater waren sich einig. Das Kind muss abgetrieben werden oder sie würde ihre Zukunft wegwerfen. Verängstigt durch die Warnung war sie mit der Abtreibung im dritten Monat ihrer Schwangerschaft einverstanden.

„Danach ging’s in meinem Leben bergab.“ Sie wurde, nicht lange, nachdem die Lehrer von ihrer Schwangerschaft erfahren hatten, aus der Schule geworfen. Sie sagten ihr, sie hätte zu viele Unterrichtsstunden gefehlt.

Zwei Jahre danach ging sie auf eine andere Schule und später aufs College. Aber sie kämpfte nach ihrem Studium darum, einen guten Job zu finden. Und wenn sie denn einen fand, war sie unfähig ihn für mehr als drei Monate zu behalten.

Den Preis bezahlen

Bong behauptet nicht, etwas Übernatürliches erfahren zu haben. Aber sie glaubt, dass sie von einer unüblichen Menge an Stolpersteinen geplagt wurde. Ihre Theorie ist, dass sie ihrem ungeborenen Kindes das Leben genommen hatte.

Mit 28 kam sie zur Ruhe und heiratete einen guten Mann. Sie versuchte, schwanger zu werden. Sie wollte alles gut machen. Aber jedes Mal verlor sie ihre Kind im dritten Schwangerschaftsmonat. Sie versuchten es wiederholt, aber immer mit dem selben Resultat.

Frustriert und beängstigt sprach sie mit ihren Eltern darüber. Es war ihre Mutter, die ihr vorschlug, eine Zeremonie zur Reinigung von Sünden für Frauen die abgetrieben hatten zu besuchen.

Bong plant im August am nächsten Ritual im Wat Kae teilzunehmen. Ihr wurde aufgetragen eine Menge Dinge mitzubringen, inklusive einer Baby Matratze, einem Schoppen, Spielzeug und Baby Kleider. Das Wichtigste aber, sagte sie, ist dem abgetriebenen Kind einen Namen zu geben und diesen auf eine besonderen Stück Papier aufzuschreiben.

Als Teil der Zeremonie werden die Mönche die selben Gebete sprechen, welche sie an Beerdigungen und Karma spendenden Ritualen für Tote verwenden. All die Utensilien sind symbolische Geschenke der Mutter für ihr Kind, damit beide den Frieden finden.

„Ich muss von meinem abgetriebenen Kind bedrängt werden,“ sagte Bong.

Noi nahm vor sieben Jahren zum ersten Mal an der Zeremonie teil, kurz bevor sie eine Familie gründete. Anfangs ging sie in einen anderen Wat in Samut Prakan. Die Rituale sind überall ähnlich. Sie bot den Mönchen Baby Sachen an. Die Mönche rezitierten zur Beschwichtigung der ungeborenen Seele Gebete.

„Ich weiss nicht, ob mein ungeborenes Mädchen wirklich erhielt, was ich durch die Mönche gab. Aber es liess mich besser fühlen.“

Jedes Jahr besuchte Noi die Abtreibungsrituale, jetzt im Wat Kae. Sie hat sich mit anderen Frauen mit dem gleichen Schicksal angefreundet und ist heute offener, über das zu sprechen, was sie in der Vergangenheit erlebt hatte.

„Ich glaube, wir fühlen uns alle schuldig und beschämt. Wir können nicht ungeschehen machen, was passiert ist, aber wir können es heute besser machen.“

Sünden, die nicht vegeben werden können

Mönche in ganz Thailand führen Rituale für Menschen durch, die glauben, dass ihre Verfehlungen durch Religion getilgt werden können. Tempel ziehen viele an, die von ihren Sünden wegrennen wollen - von Lügen und Missbrauch, von Diebstahl und Mord.

Phrakru Paisan Thammawong, der Abt des Wat Kae in Suphan Buri, bestätigt, dass sein Tempel für die Abtreibungszeremonien bekannt ist. Aber er sagte, dass die Rituale keinen Anspruch haben, die Taten der Frauen zu rechtfertigen. Er spricht von weit verbreiteten Missverständnissen über die jährliche Zeremonie.

„Abtreibung ist eine der schlimmsten Sünden. Nichts kann’s sie reinigen, nichts auf dieser Welt. Was wir tun, hilft den Menschen sich besser zu fühlen, weniger schuldig. Es hilft ihnen, Hindernisse in ihrem Leben zu bewältigen.“

Der Grund, weshalb genau Wat Kae so beliebt für diese Zeremonie ist, liegt in der Legende von Khun Chang Kuhn Phaen, einem Klassiker der thailändische Folklore aus dem späten 16. Jahrhundert.

Khun Phaen, einer der Hauptakteure der Geschichte, soll im Wat Kae gelebt haben. Gemäss der Legende macht er den ersten Kuman Thong, ein Baby Amulett, in dem er den Fötus seiner verstorbenen Frau aus ihrem Leib nahm und in einem Ritual von schwarzer Magie schwarz grillierte. Die Legende besagt, dass der Fötus danach vergoldet und das ungeborene Kind ein Geist wurde - Kuman Thong, der goldene Junge. Khun Phaen nutzte das Baby Amulett zu seinem Schutz auf dem Schlachtfeld.

Verfolg von Erinnerungen

Viele Frauen und Mädchen treiben in illegalen Kliniken ab. Was die meisten nicht wissen ist, dass eine Abtreibung in Thailand legal durchgeführt werden kann, wenn die Schwangere sich an ein Konsultationszentrum und eine zertifizierte Klinik wendet.

Supharpha Ongsakul ist stellvertretender Direktorin der Holt Sahathai Foundation, die diesen Service anbietet. Sie hat beinahe 40 Jahre Erfahrung in diesem Gebiet und sagt, dass 90% der Frauen mit ungewollten Schwangerschaften eine Abtreibung wünschen.

Das Gesetz in Thailand erlaubt Abtreibungen unter vier Bedingungen: wenn die Schwangerschaft die Mutter gefährdet, wenn das Kind nicht gesund ist, wenn die Mutter ein Vergewaltigungsopfer ist und wenn die Schwangerschaft die mentale Gesundheit der Mutter gefährdet wird.

Wenn Frauen für eine Konsultation zur Stiftung kommen, eine dieser Kriterien erfüllen und den Evaluationprozess bestehen, werden sie in eine zertifizierte Klinik überwiesen.

Die Mehrheit sind Studentinnen und junge Frauen zwischen 17 und 23. Eine geringe Anzahl älterer Frauen ist auch darunter - die meisten von ihnen sind die Liebhaberinnen von älteren Männern mit Affären.

Erlaubt werden Schwangerschaftsabbrüche bis zur 12. Woche. Danach werden die Frauen angewiesen, ihr Baby auszutragen und zur Adaption freizugeben. In vielen Fällen behalten die Mütter aber nach der Geburt ihr Kind, sagt Supharapha.

„Wenn Frauen zu uns kommen entscheide nicht ich. Wir sprechen über die mögliche Folgen und lassen sie selbst entscheiden“, fügt sie hinzu.

Wenn die Familie der Mutter bereit zur Unterstützung ist - finanziell und emotional - ermutigt die Stiftung das Kind zu behalten. In einigen Fällen ist dies möglich, in anderen nicht.

Supharapha sagte, Frauen würden nach Abtreibungen häufig von Schuldgefühlen geplagt, die Einstellung der Gesellschaft mache es noch schlimmer. „Nur weil jemand nicht die Normen erfüllt, bedeutet das nicht, dass der Mensch schlecht ist.“

Unerklärliche Erfahrungen

Gegen aussen scheint, dass die 57-jährige Pen alles hat - ein erfolgreiches Geschäft, einen liebenden Ehemann und zwei intelligente Kinder. Aber bis es soweit war, machte sie viel durch.

Als sie jung war, hatte sie ein Kind abgetrieben, weil sie noch nicht bereit dafür war. Zu dieser Zeit wollte sie ihr Leben voranbringen. Später heiratete sie und gründete eine Familie.

Das Leben meinte es gut bis ihre 19-jährige Tochter mitten in der Nacht aufwachte und nicht mehr atmen konnte. „Ich erinnere mich, dass ihr Gesicht grün wurde. Es schien als würde sie grundlos ersticken.“

Sie brachte sie ins nicht weit entfernte Krankenhaus. Die Ärzte konnten nichts feststellen. Sie blieb zwei Nächte und wurde ohne Diagnose entlassen. Zu Hause passierte dasselbe noch einmal. Pen brachte ihre Tochter zurück ins Spital, wo sie eine Woche an ein Beatmungsgerät angeschlossen wurde.

Sie sprach von wiederkehrenden Albträumen, in denen eine Mädchen auf ihr sass und sie während des Schlafes zu erwürgen versuchte. Sie versuchte wach zu bleiben, dass sie nicht von den Träumen heimgesucht würde. Die Ärzte testeten alles Mögliche, ohne Resultat.

Pen brachte ihre Tochter für eine Zweitmeinung in ein anderes Krankenhaus. Auf dem Weg schrie sie ohne Grund und wurde bewusstlos. Im neuen Spital wurde sie auf die Intensivstation gebracht. Die Ärzte konnten keine Fehlfunktion feststellen, aber sie blieb während eine Woche ohne Bewusstsein.

Unkonventionelle Lösung

Pen war verzweifelt und gewillt, alles zu versuchen. „Ich ging zu einem Wunderheiler. Er fragte mich, ob ich einst abgetrieben hätte. Als ich ja sagte, erklärte er mir, dass der Geist des abgetriebenen Kindes meine Tochter töten, ihren Körper und ihr Leben als Menschen besitzen wolle.“

Er verschrieb ihr ein Ritual zur Lösung des Problems. Er sagte ihr, sie müsse sich eine Kuman Thong Amulett als Wohnstätte für den Geist ihres ungeborenen Kindes besorgen.

Innerhalb einer Woche hatte Pen alles vorbereitet und ihr abgetriebenes Kind in den Körper des Kuman Thong eingeladen. Sie gab ihm einen Namen, kaufte Kleider, Süssigkeiten und Spielzeug.

Ihre Tochter blieb bewusstlos bis die Zeremonie vorbei war. Sie konnte sich an nichts erinnern.

Noi berichtet ebenfalls von befremdlichen Erfahrungen, nachdem sie abgetrieben hatte - dazu hatte sie das Gefühl, dass sie ständig beobachtet und verfolgt wurde. „Oft meinte ich, jemand berührt mein Bein, spielt mit meinen Haaren oder versucht zu mir ins Bett zu kommen. Manchmal sah ich in meinen Träumen ein wunderschönes Mädchen. Es sagte mir, sie wäre meine Tochter.“

Noi hatte niemals Angst. Sie war froh, dass es ihrem ungeborenen Kind gut ging.

Eine zweite Chance

Seit sie Anfang der 70er Jahr mit ihrer Arbeit begonnen habe, sagt Supharpha, habe sich die Anzahl von abtreibungswilligen Frauen nicht gross verändert. Was sich aber geändert habe, sei die Bildungshintergrund.

Statistiken der Vergangenheit zeigen, dass die meisten ungewollten Schwangerschaften Mädchen vom Land betrafen, die auf Arbeitssuche nach Bangkok gekommen waren. Schon mit 11 hatten sie die Schule verlassen.

Aber heute sind die Abtreibungswilligen in Bangkok geboren und aufgewachsen, haben Abitur oder Universitätsausbildung.

„Abtreibung macht aus jemanden keinen schlechten Menschen. Das Problem sind die Frauen, die abtreiben wollen. Es besteht darin, dass wir sie nicht wirklich aufklären.“

Supharpha denkt, dass mangelhafte Sexualerziehung in Zukunft noch viel grössere Probleme bringen wird. „Wenn es zu viele ungewollte und verlassene Kinder ohne Unterstützung gibt, werden sie von der Gesellschaft ausgeschlossen.“

Die Meisten der Frauen erfüllen gemäss Supharpha eines der Kriterien und können legal abtreiben. Sie werden von der Stiftung die Abtreibung vorbereitet, kommen aber nach der Operation nicht für Gespräche oder Beratung zurück.

„Ich höre von vielen Frauen mit Abtreibungen, dass sie unerklärliche Ereignisse erleben. Aber ich glaube nicht, dass sie von Geistern heimgesucht werden. Es ist eher die Schuld, die sie Dinge sehen lässt. Was sie wirklich brauchen, ist eine zweite Chance im Leben.“

Quelle: Bangkok Post

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