Freitag, 12. Juni 2015

Der letzte Wunsch

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Wenige Tage bevor meine Mutter starb bat sie mich, ihr ältestes Kind: „Wenn ich sterbe, beerdige mich bitte in Ban Tha Lo.“ „Sicher. Wie immer du es willst“, erwiderte ich schnell und dennoch ruhig. Zugleich aber lief in meinem Gehirn eine Szene wie in einer Kommandozentrale ab, jede meiner Hirnzellen versuchte herauszufinden, wie ihr, wie sich später herausstellte, letzter Wunsch am besten zu erfüllten ist.


Krematorium in Thailand. 
Früher lebten wir in Ban Tha Lo, dem Heimatdorf meiner Mutter in der Provinz Phetchaburi. Es liegt zwei Stunden von Bangkok weg, keine grosse Distanz. Aber für jemanden, der sich nie um religiöse Prozedere oder andere Formalitäten gekümmert hatte, war diese Mission ungemein entmutigend. In meiner imaginären Kommandozentrale schaute sich jeder an, jeder mit leerem Blick.

Dann wollte es der Zufall, dass am Tag ihres friedlichen Ablebens meine Schwester im Internet unsere Rettung fand. Ein One-Stop-Service Bestattungsinstitut.

Neben dem Verkauf von „letzten Heimstätten“ für Verstorbene bietet das Institut eine Vielzahl von Dienstleistungen rund um Beerdigungen, einschliesslich Transporte von Leichen aus Heimen und Krankenhäusern von überall aus der Welt. Plötzlich war es kein Problem mehr, die Überreste meiner Mutter nach Phetchburi zu bringen.

Die Kosten dafür: 4’000 Baht zusätzlich zum 13’000 Baht-Package, welches einen verzierten Holzsarg, Einbalsamierung, Blumenschmuck, Räucherstäbchen, Kerzen und anderes beinhaltet. Ein vernünftiger Preis. Als die Sterbeurkunde und andere Dokumente bereit waren, fuhr ein Van mit einem drei-köpfigen Team des Bestattungsinstituts vor unserem Haus vor.

Während zwei Männer meine Mutter in ihrem Schlafzimmer für ihre letzte Reise vorbereiteten, bat mich der Dritte ihm zum Eingangstor zu folgen. Er gab mit ein Räucherstäbchen und sagte, wir müssten die Schutzgeister des Hauses über den Tod informieren und um Erlaubnis es zu verlassen bitten. „Oh-oh“, dachte ich. Es geht nicht nur um Logistik.

Als er mein „ich habe keine Ahnung was ich tun muss“ Gesichtsausdruck bemerkte, sagte der Mann: „Keine Sorge. Wiederholen sie nur, was ich mache.“ So wurde die Durchführung des ersten Rituals zum Kinderspiel.

Schon bald wurde der Sarg in den Van verladen und wir waren auf dem Weg. Einer der Männer entfachte ein Räucherstäbchen und gab mir einen Beutel voller Münzen.

„Ich hatte ihre Schwester gebeten, alle Münzen zu sammeln, die sie finden kann.“

„Wozu?“ fragte ich. Jedes Mal, wenn der Van eine Brücke überquere oder abbiege, müsse ich einige wenige Münzen in einen Behälter neben mir werfen, damit der Geist meiner Mutter nicht auf Irrwege kommt. 

„Was immer sie sagen“, dachte ich und legte den Beutel neben mich.

Sobald der Van anfuhr, sagte der Fahrer mit lauter Stimme: „Mutter, wir fahren ab. Bitte folge dem Geruch des Weihrauchs. Wir haben dir das Durchgangsrecht zu deiner Beerdigung im Wat Tha Lo in der Provinz Phetchaburi gekauft.“

„Vergessen sie nicht die Münzen zu werfen“, erinnerte mich einer der Männer.

Zwei Minuten später: „Mutter, wir biegen links ab. Folge dem Geruch von Weihrauch. Wir haben dir das Durchgangsrecht für deine Beerdigung im Wat Tha Lo gekauft“. Und ich warf Münzen in den Behälter.

„Mutter, wir überqueren eine Brücke über die Autobahn..“

„Mutter, wir überqueren eine Brücke über einen Kanal..“

„Mutter, wir überqueren eine Brücke über einen Fluss..“

Der Satz wurde unzählige Male wiederholt, auf dem gesamten Weg von Bangkok nach Phetchaburi und weiter zum Tempel. Ich war überrascht über die Menge an Brücken. Es gab Dutzende. Ich bin sicher, dass die meisten Autofahrer sie normalerweise nicht mal bemerken. Von dem Moment, als wir auf die Rama II trafen, musste ich jeweils nur noch eine Münze werfen, sonst wären es nicht genügend bis zum Ziel gewesen. Am meisten erstaunt war ich jedoch über die Unermüdlichkeit des Fahrers, den bewussten Satz zu wiederholen, meine Mutter ständig über jedes Detail ihrer letzten Reise zu informieren.

Als wir den Tempel erreichten, trugen die Männer den Sarg zum Beerdigungsort, schmückten alles mit Blumen. Die Verwandten meiner Mutter und die Mönche kümmerten sich um alle erforderlichen Rituale.

Mutter, ich habe in den letzten Tagen definitiv einige Dinge über traditionelle Rituale gelernt. Jeder Schritt wurde korrekt ausgeführt und ich bin sicher, dass du dort oben glücklich bist. Ausserdem weiss ich jetzt, weshalb du deine Beerdigung in deinem Heimatdorf abhalten wolltest. 

Von Pongpet Mekloy in der Bangkok Post

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