Mittwoch, 27. Mai 2015

Wie Spielen ist Macht eine Sucht

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Als Saraphee Rukthong einen Termitenhügel hinter ihrem Haus anschaute, hob eine schwarze Kobra ihren Kopf heraus. Viele hätten alles fallen gelassen und um Hilfe gerufen, aber Saraphee sah es als Glückszeichen und baute der Schlange einen Altar. Sobald die Leute in den umliegenden Dörfern davon gehört hatten, besuchten sie den Altar. Sie beteten und starrten auf die im Termitenhügel gefangene Kobra. Sie glaubten, etwas so Bizarres müsse etwas Besonderes bedeuten. Und, wenn sie lange und intensiv genug schauten, ihnen die Lotteriezahlen offenbart würden. Nach vielen Interpretationen entschieden sie, dass die 10 die 2er Gewinnzahl werde.

Lotterie Lose in Thailand: einziges erlaubte Glücksspiel und Goldesel nicht nur für den Staat. 
Auch wenn es am Ende selbstverständlich eine andere, die 38, wurde, haben Saraphanee und ihre Schlange zum Erfolg der Thai Lotterie Industrie beigetragen - der monopolistische Goldesel, welchen die Militärregierung züchtigen will.

Angereichert mit Glauben an übernatürliche Kräfte und Träumen, über Nacht der Armut zu entfliehen, ist Lotterie ein grosses Geschäft in Thailand. Mehr als 19 der 67 Millionen Thais kaufen staatliche Lotterielose und brachten letztes Jahr gemäss Wanchai Boonpracha von der Family Network Foundation Einnahmen von 76 Milliarden Baht. Ungleich zu anderen Ländern, in denen die Regierung Lizenzen vergibt und die Betreiber kontrolliert, druckt  das staatliche thailändische Lotteriebüro, GLO, die Lose selbst und verkauft sie an Händler. Dank strikten Gesetzen, welche jegliche Form von Glücksspiel verbieten, fühlt sich die Regierungslotterie als einzig legales Kasino im Land an. Die GLO steckt 28% des Gewinns, zwischen 13 und 14 Milliarden Baht jährlich, für den Staat in ihre Taschen.

Daneben, und ausserhalb des Gesetzes, setzten Untergrundlotto- oder Huay-Händler das 4 bis 5-fache des Geldes um. Gegen 500 Milliarden Baht pro Jahr, nimmt Assistenz Professor Doktor Sungsidh Piriyarangsan, Dekan des Colleges of Social Innovation RSU, an. Die Händler benutzen die Zahlen der offiziellen Lotterie, bieten aber bessere Gewinnquoten, Kauf auf Kredit und deutlich mehr Optionen. Weil dazu lediglich ein Notizblock und Stift notwendig sind, haben sie sich rasend schnell in jeden Winkel Thailand’s verbreitet. Eine Niederschlagung scheint ausgeschlossen bis unmöglich.

Das war einer der Gründe, weshalb die Regierung Thaksin zwischen 2003 und 2007 eine offizielle Untergrundlotterie einführte. Sie erlaubte selbst 2 oder 3-stellige Zahlen auszuwählen, statt in den 6-stelligen Lose herumzuwühlen und herauszufinden, dass die gewünschte Endzahl schon weg war. Auch wenn es ein Stachel in die Untergrundlotterie war und den Gewinn der staatlichen GLO verdoppelte, wurde nach dem Sturz Thaksin’s festgestellt, dass sie gegen Gesetze verstiess, süchtig machte und schliesslich gestoppt. Seither gibt es wieder wie zuvor nur die traditionelle Lotterie. 

Während die staatlich zugelassene Untergrundlotterie illegal und ethisch fragwürdig war, mieft auch das traditionelle Geschäft mit Losen. Die Öffentlichkeit war immer misstrauisch gegenüber dem Vorgehen der GLO mit Gewinnmargen und Profiten hinter verschlossenen Türen. Vertragshändler werden verdächtigt, mit dem Weiterverkauf an Kleinhändler im Handumdrehen viel Geld zu verdienen. Diese wiederum verkaufen an die Endverkäufer, und wie immer beissen den letzten die Hunde, sie haben zu höheren Kosten die kleineren Gewinne. 

Von drei Nachrichtenagenturen, Isra News, TCIJ und ThaiPublica, kürzlich veröffentlichte Berichte geben ein noch verdächtigeres Bild der Rolle der grössten und langjährigsten Vertragshändler ab. Mit ihren enormen Los-Quoten und Geschäftspartnern haben sie beinahe ein Monopol im Markt und können die Endverkaufspreis der Lose beeinflussen. Das Geheimnis ihrer Langlebigkeit in einer Dekade von regulatorischen Anstrengungen hat nichts mit Glück zu tun, viel mehr mit guten Beziehungen.  

Der Umgang mit der Thai Lotterie war schon immer problematisch, weil er einem Balanceakt gleichkommt: Austarieren von bedeutender Einnahmequelle, ethischen Fragen mit Billigung von Glücksspiel und Druck von einflussreichen Politikern. Deshalb wollte die Junta unter General Prayuth Chan-o-cha das Lotterieproblem bereits einen Monat nach Amtsübernahme lösen. Die Öffentlichkeit konnte das Ergebnis kaum erwarten. Generalmajor Apirat Kongsompong wurde zum Vorsitzenden des Vorstands der GLO ernannt. Nach Monaten ohne Resultate bestätigte er, dass es Preisabsprachen von Leuten gebe, die mit Angestellten der GLO verbunden sind, nannte aber keine Namen. 

Anfang Mai lancierte die Junta mit Hilfe von Artikel 44 einen neuen Anlauf, berief mehr Regierungsleute in den Vorstand der GLO und führte ein neues Gewinnmodell ein, welches auch einen neuen Wohltätigkeitsfond für soziale Entwicklung füttert, der von den neuen Vorstandsmitgliedern geleitet wird. General Prayuth will jeden ins Gefängnis stecken, der Lose über dem staatlich vorgeschriebenen Preis von 80 Baht verkauft. 

Die Kobra, gefangen im Termitenhügel-Altar, streckt ihren Kopf heraus.
Wie der Blick auf eine in einem Termitenhügel festgehaltene Schlange, übt die Junta ihre absolute Macht auf den Preis von Lotterie Losen aus. Lose sind kein lebensnotwendiges Konsumgut und jedwede Anstrengung dafür scheint fehl am Platz. Auf der anderen Seite wissen die Generäle nur zu gut, wie alle Thais, dass der inflationäre Lospreis lediglich Endprodukt eines falsch laufenden Systems ist und nur durch Mut in eine verantwortungsbewusste, transparente Struktur umgewandelt werden kann. 

Wie Spielen ist Macht eine Sucht. Ohne sich dessen bewusst zu sein kommt beides zu einem hässlichen Ende.

Von Thitipol Panyalimpanun im Asian Correspondent

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