Dienstag, 19. Mai 2015

Umweltschützer in Thailand bezahlen hohen Preis

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Jintana Kaewkao, eine 53-jährige Aktivistin, Laden Besitzerin und Mutter von drei Kindern kam am 12. März ins Büro der Bezirksregierung, bereit für einen Kampf. Spannungen wachsen über den geplanten Bau einer weiteren Stahlproduktionsanlage inmitten von Feuchtgebieten und Kokospalmen in der Küstengemeinde Bang Saphan in der Provinz Prachupa Khiri Khan.


Jintana steht an der Küste bei Ban Krut, wo ein Kohlekraftwerk hätte gebaut werden sollen.
Mehr als 30 Dorfbewohner haben sich in der Morgenhitze versammelt. Die meisten waren Frauen, einige mit Kleinkindern im Schlepptau. Sie waren bereit ihre Besorgnis über potentielle Verschmutzung und fragwürdigen Landerwerb eines lokalen Konglomerats mit dem Distriktleiter zu diskutieren.

Wie üblich warteten sie auf Jintana, Anführerin der Bang Saphan Conservartion Group und charismatische Umweltschützerin aus dem Nachbardorf Ban Krut.

Sie wurden nicht enttäuscht. Informiert, dass der Top Beamte des Bezirks die Dorbewohner versetzt hatte, erklomm sie die Stufen zum Gebäude und forderte ein Treffen mit seinem Stellvertreter. Jintana referierte spielerisch mit dem Beamten, erklärte die Feinheiten des Landrechts und gewann das Versprechen eines neuen Treffens.

Dann stieg sie in einen wartenden Polizeiwagen. Im Innern sassen zwei fröhliche Beamte in Zivil. Sie trugen schwarze Polo-Shirts und waren mit 9m Glock Pistolen bewaffnet.

Die Polizei war nicht hier, sie zu verhaften. Vielmehr dienten sie als ihr persönlicher rund um die Uhr Schutz. Beauftragt damit, dass sie am Leben bleibt.

Jintana's Erfolg vor zehn Jahren, als sie den Druck der Gesellschaft dazu verwendete, den Bau eines grossen Kohlekraftwerks in Ban Krut zu blockieren, machte sie zur Legende. Er machte sie auch zu einer gekennzeichneten Frau. In Thailand ist Umweltaktivismus überaus gefährlich - und manchmal tödlich.

In den letzten Jahrzehnten sahen sich Aktivisten gegen Kohlekraftwerke, Deponien und Bergbauprojekte ständigen Drohungen ausgesetzt. Laut einem Bericht von Global Witness, einer NGO aus Washington DC, wurden zwischen 2002 und 2013 16 thailändische Umweltschützer getötet. Andere Experten sagen, die Zahl steige auf über 30, würden die Fälle mit Landrechten und breiteren Menschenrechtsfragen hinzugenommen. Die Täter sind oft 20'000 Baht Killer, verknüpft mit lokalen Geschäftsinteressen oder vage als "Mafia" definiert, wie die Leute hier sagen.

Bewaffnetet Täter haben in den letzten 10 Jahren vier Mal Schüsse auf Jintana's Haus abgegeben. Während der vergangenen zwei Jahre war es ruhig, aber sie ist besorgt, dass die Kampagne gegen die Stahlfabrik neue Gewalt weckt.

"Hier gibt es viel bewaffnete Männer - wenn ich mich nicht sicher gefühlt hätte, wäre ich nicht dorthin gegangen", sagte sie auf der Fahrt zurück nach Ban Krut. Vorbei an Fischerbooten und Bungalows der Resorts, welche das Rückgrat der Dörfer sind. Nach Jahren des Aktivismus merkt sie an: "Ich bin glücklich nicht tot zu sein".

Die düsteren, oft gewalttätigen Auseinandersetzung über Energie- und Ressourcenprojekte sind kaum erzählte Geschichten von Thailand, das lange den Ruf als eine der demokratischsten und prosperierendsten Nationen in Südostasien hatte. Seit der Machtübernahme der Junta und der Limitierung der Bürgerrechte wird befürchtet, dass sich das Klima für Umweltaktivismus verschlechtert.

Aber die Gefahren für Aktivisten sind älter als die aktuelle Militärregierung, und sie unterstreichen, was einige als Kultur der Straflosigkeit für Geschäftsinteressen bezeichnen. Insbesondere in ländlichen Gebieten und Industriezonen, weit weg von der hellen Lichtern Bangkok's. Sie zeigen auch, wie erfolgreich Jintana und ihre Mitstreiterinnen waren.

Strand und Küste von Ban Krut wäre zerstört worden, hätten Jintana und andere Aktivisten das Kohlekraftwerk nicht abwenden können. Heute zeugen nur noch verlassene Gebäude, wenige Meter vom Meer, vom Projekt des 1'400 Megawatt Kohlekraftwerks von Ban Krut.

Die thailändische Regierung hatte das Projekt mit Finanzierung von Investoren aus Japan und Hong Kong erstmals in den 90er Jahren vorgeschlagen. Neben dem in Ban Krut sollte ein separates, kleineres Kraftwerk eine Stunde nördlich in Bo Nok entstehen. Dieses wurde von der in Kalifornien ansässigen Edison Mission Group, heute Teil der NRG Energy, unterstützt.

Die Projekte sollten helfen, Thailand's wachsenden Energiebedarf zu decken. Heute ist Thailand gemäss der US Energy Information Administration der 21. grösste Energieverbraucher der Welt. Das Land kann nicht genug Erdgas produzieren um Schritt zu halten, sagen Analysten, und aufeinanderfolgende Regierungen sahen in Kohle den Weg aus dem Fehlbetrag.

Die Kraftwerke wuchsen nie aus dem Boden. Aber die Narben des lange dauernden Kampfes blieben. Er wurde Mitte der 2000er Jahre beendet, nachdem die Regierung beschlossen hatte, die Projekte in anderen Provinzen zu realisieren.

"Das Dorf wurde in zwei Gruppen aufgeteilt", sagt Chainerong Noiphon, ein 55-jähriger Fischer, der unweit von Jintana wohnt. "Selbst die kleinsten Dinge können bei uns grosse Zerwürfnisse zur Folge haben." Er setzte sich gegen das Kraftwerk ein und beschuldigt die Investoren für die bis heute andauernde Teilung. "Wir hatten Glück, dass wir Jintana hatten", fügt er an.

1982 kam sie nach ihrer Heirat in die Heimat ihres Mannes, einer Fischerei und Landwirtschaftsgemeinschaft. Sie begann als Teilnehmerin in der Anti-Kraftwerk-Bewegung, aber sie entwickelte sich mit ihrer natürlichen Autorität schnell zur Anführerin - und einem Dorn im Auge von Thailand's Union Power Development Company Ltd., UPDC, welche das Projekt leitete.

Zusicherungen der UDPC, das Projekt füge der der nahe gelegenen Kulturlandschaft und dem vorgelagerten Korallenriff keine Schaden zu, konnten Jintana und andere nicht überzeugen. Besonders inmitten von Berichten über hohe Schwefeldioxid Emissionen aus einem ähnlichem Kraftwerk in Nordthailand, welche die Anwohner schädigen. Die Betreiber wurden im Februar 2014 nach Jahren der Klagen vom Obersten Gerichtshof Thailand's zu einem Schadenersatz von rund 30 Mio. Baht an mehr als 100 Menschen aus der näheren Umgebung verurteilt.

Jintana anerkennt, dass viele Einwohner Ban Krut's das Kraftwerk haben wollten. Die UPDC, sagt sie, lieferte eine hochstehende PR-Kampagne und versprach viele neue Arbeitsplätze. Kritiker hielten ihr vor, den wachsenden Energiebedarf Thailand's zu verkennen. Was das Land wirklich brauche sei ein grösserer Fokus auf Erhaltung und erneuerbare Energie, war ihre Antwort.

1998 organisierte sie eine Blockade der Petchkasem, dem Asia Highway, der auf seiner Strecke von Bangkok in den Süden Thailand nahe an Ban Krut und der geplanten Anlage vorbei führt. Sie kaufte für 30 Baht eine Aktie der UDPC, damit sie an deren Meetings teilnehmen konnte. Die Bewegungen in Ban Krut und Bo Nok erhielten Unterstützung von Greenpeace und anderen internationalen Gruppen. Das stärkte ihr Profil. Die US Export-Import Bank entschied sich gar, die geplante Finanzierung der Bo Nok Kraftwerks zu widerrufen. Es kam soweit, dass die Einwohner drohten, Bo Nok anzuzünden, sollte es je gebaut werden.

Auch Jintana schrak gelegentlich nicht vor konfrontativer Taktik zurück. Mehr als einmal landete sie im Gefängnis.

2001 gruben Dorfbewohner einen toten Wal aus, der kurz zuvor an Land gespült worden war. Sie füllten das ranzige Wasser aus dem Loch, wo er begraben worden war, in Plastiktüten und schleuderten sie an einem Bankett der UDPC auf die Teilnehmer. Chainerong Noiphon erinnert sich: "Es war Mutter Natur, die uns half."

Obwohl Jintana beteuerte, nicht dabei gewesen zu sein, warf ihr die Regierung vor, die Proteste organisiert zu haben. Sie wurde schliesslich wegen Hausfriedensbruch verurteilt und verbrachte später, nach mehrere Berufungen, zwei Monate im Gefängnis.

Wie das Ansehen Jintana's, stiegen auch die Bemühungen ihrer Gegner sie zu kaufen oder zu diskreditieren. Sie sagt, ihr wären riesige Summen von Unternehmensseite offeriert worden, sie habe alles abgelehnt. Dennoch gebe es ein Gerücht, sie besässe ein Haus im Wert von 50 Mio. Baht.

Jintana und ihr Mann beschlossen, ihre Kinder nicht mehr in die örtliche, von der Kraftwerksgesellschaft finanzierte Schule zu senden. Als jemand ihr Haus beschoss - sie wachte einmal morgens um 2 aufgrund des Geräuschs von Schüssen auf der anderen Strassenseite auf - blieben sie über Nacht bei Verwandten. Ein anderes Mal schoss ein Bewaffneter auf's Haus, obwohl ein Polizeiwagen davor stand.

Die Angriffe auf ihr Haus scheinen einem Muster zu entsprechen, dem in Thailand seit Jahrzehnten gefolgt wird: wird ein Industrieprojekt von der Regierung verabschiedet und bildet sich eine lokale Protestgruppe, wird ein Attentat auf den Anführer ausgeführt. Die Angriffe sind meist kühn, geschehen manchmal am helllichten Tag inmitten von Menschenmassen.

Die Aktivisten kämpfen jedoch oft mit einem Mangel an Beweisen. Wie im Fall von Pachern Ketkaew in Bo Nok. Er sass am 31. Januar 2011 mit seiner Frau abends um 6 Uhr vor seinem kleinen Laden, als ein Mann mit eine 9mm Pistole aus einem herannahenden Auto sprang und das Feuer eröffnete. Die Kugel verfehlten ihr Ziel, verletzten aber zwei in der Nähe sitzende Kunden.

Pachern erinnert sich, in den Wald hinter dem Laden gerannt zu sein, der Attentäter ihm auf den Fersen. Ein anderer Mann schwang ein M-16 Sturmgewehr und übersah den Laden mit Kugeln. Daraufhin drehte sich der Attentäter um, beide flohen. Pachern rief einen anderen Aktivisten, Korn-um Pongroi an, der schnell zum Laden eilte und ihn für zwei Monate zu Jintana brachte.

Jintana versucht, nicht an die Auswirkungen ihres Handelns auf ihr persönliches Leben zu denken. Aber wenn dazu aufgefordert, sagte sie, es sei schon schwierig. Ihr Geschäft hat gelitten. Nachdem sie aus dem Gefängnis kam, wurde sie gezwungen, ihr Auto für neue Ware zu verkaufen. Die Ausbildung ihrer Kinder wurde unterbrochen und sie kann nicht einfach irgendwo hin reisen, weil es zu gefährlich ist. "Das ist, was ich verloren haben, weil ich mich gegen das Kraftwerk einsetzte."

Immer wieder erhält sie, manchmal beunruhigende, Anrufe von Armee Beamten, die sie zu Treffen einladen oder sie tadeln, weil sie "nicht ihr Freund sein wolle".

Führende Mitglieder der regierenden Militärjunta sind mit umstrittenen Bergbauprojekten verbunden, einschliesslich einer Goldmine in der Provinz Loei. Dort hatten bewaffnete Männer eine Gruppe von Demonstranten angegriffen. Paul Chambers, Dozent an der Chiang Mai Universität sagt, dass das thailändische Militär in der Regel misstrauisch gegenüber Menschenrechtsgruppen ist und die aktuelle Regierung zusätzlich Hindernisse für Umweltaktivisten bringen könnte. "Hochrangige Beamte haben ureigenes Interesse in einigen dieser Unternehmen."

Unabhängig von der Regierung beobachten Jintana und ihre Anhänger wachsam alle Bemühungen, das Kraftwerk Projekt in Ban Krut wieder zu beleben. Die US Energy Information Administration schrieb in einer Analyse im November 2013, dass "die thailändische Energiebehörde trotz Umwelt- oder anderer Probleme Strom aus Kohle als Mittel zur Reduktion ihrer Abhängigkeit von Erdgasimporten zur Elektrizitätserzeugung ansieht".

In der Zwischenzeit sagt Jintana, müsse dieses Stahlwerk gestoppt werden. Als der Polizeiwagen entlang der reichen Flora und Fauna der Feuchtgebiet der Küste fuhr, sah sie sich um: "Wenn die Fabrik kommt, wird es hier nicht mehr so aussehen. Ich möchte ein Teil davon sein, der das beschützt."

Joseph J. Schatz in Al Jazeera America

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