Montag, 13. April 2015

Wehrpflichtig ist, wer eine rote Karte zieht - Thailand's Militär Lotterie

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Für viele Männer ist 21 werden ein Initiationsritus oder einfach etwas zu feiern. Mir drohte ein Alptraum. Die Furcht wuchs, je näher das Datum kam. Weil mit ihm die, ups, stolze Ehre kam, vielleicht für mein Land zu dienen. 


Ein Offizier erklärt wie die schicksalhafte Lotterie durchgeführt wird. 
In der ersten Aprilwoche jeden Jahres führt das thailändische Militär eine besondere Lotterie durch, eine Schicksal behaftete Lotterie. Zieht man eine schwarze Karte, ist man frei - ein schönes Leben wartet. Zieht man aber rot, dann ist man dran, ich meine, privilegiert, die nächsten ein bis zwei Jahre, abhängig davon ob man Abitur hat oder nicht, in Armee, Marine oder Luftwaffe Dienst zu leisten. Ist man aber noch im Studium oder hat medizinische Probleme, darf man, enttäuschenderweise, das folgende Jahr wieder Karten ziehen.

Und so war an einem schwül heissen Tag der Tag des Jüngsten Gerichts gekommen. Am Morgen des 3. April wachte ich besonders früh auf, weil ich die ganze Nacht sowieso nicht gut hatte schlafen können. Es war acht Uhr als ich an der Stelle, wo sich mein Schicksal entscheidet, ankam, die Schule des Wat Pak Bor in On Nut. 

Dutzende Menschen sassen bereits wie ausgebildete Soldaten in Reih und Glied, wie schon rekrutiert und unterrichtet in die geheimen Riten, vielleicht hatten sie zusammen schon ein paar Medaillen gewonnen.

Ich dachte: "Nein, bin ich zu spät? Hatten sie mich schon aufgerufen?" Nach einer halben Stunde, in der ich nicht wusste, was los war, entschied ich mich einfach ruhig abzuwarten.

Eine Stunde später oder so wurde mein Name genannt. Mein Vater, den ich als moralische Unterstützung mitgebracht hatte, war auf der Toilette. Sie rufen meinen Namen aus, ich schaue mich um, aber er war weg. So sagte ich einem älteren Herrn in der Nähe, er solle ihn bitte informieren, dass ich zur Untersuchung musste.

Vor dem Eintritt hatte ich eine gute halbe Stunde beobachtet, was dort passiert. Ich war wirklich sehr aufmerksam, weil ich diese konstant schreckliche Angst vor Ausfüllen von offiziellen Dokumenten in Thai habe. Ja, ich bin ein in Thailand geborener Thai. Aber meine Handschrift entspricht der eines Erstklässlers.

Drinnen gibt es einen vierstufigen Prozess, bevor man endgültig in den Lotterie-Saal gelassen wird, aber kein Ausfüllen von Papieren. So, jetzt barfuss, konnte ich getrost rein, für mich selbst denkend: "Mann, das kenne ich schon, ich weiss, was sie tun werden."

Kaum eingetreten wies mich ein Soldat mit dicker, grosser Ray Ban auf eine weisse Linie auf dem Boden  und sagte: "Da hin." Ich versuchte höflich zu sein und sagte in Thai: "Ich weiss." Weil ich vorher alles genau beobachtet hatte.

Das kam nicht so gut an. Er gab mir diesen seltsamen Blick, als hätte ich irgend etwas missachtet. Was sicherlich möglich war, so glanzlos wie mein Thai ist. Ich stand etwa fünf Minuten und übergab meine Identitätspapiere einem weniger cool aussehenden Soldat. Er schien dafür verantwortlich zu sein, sie sinnvoll zu betrachten. Scherzhaft fragte er mich: "Wollen sie zur Armee, Marine oder Luftwaffe?"

Super gestresst und nicht in Stimmung für einen Beitritt in die "Kameradschaft" und den "Korpsgeist" platzte ich heraus: "Nein, ich bin nur für die Lotterie hier."


Auch Ladyboy's müssen mit zur Lotterie, werden aber dienstuntauglich gestempelt. 
Das Gespräch ging eine Weile hin und her, bis ein anderer Soldat kam und mir mit einem Filzstift die Nummer 528 auf meinen Arm schrieb.

Dann befahl er mir, das Hemd auszuziehen und zeigte in einen anderen Bereich. Ich gehorchte leise, um mein Glück nicht herauszufordern. Ich wollte nur schnell wieder raus. Zehn Minuten später kam ein unheimlich ausschauender Soldat auf uns zu: "Aufstehen." Er ging Mann für Mann an uns vorbei, liess uns zur "Überprüfung" unserer Gesundheit fragwürdige wissenschaftliche Übungen machen: mit den Armen winken und die Zehen berühren.

Als schliesslich ich an der Reihe war, verlangte er exakt das Gleiche, ausserdem fragte er mich nach der Uhrzeit und: "Wie schlecht ist ihre Sehstärke?" "5.00 bis 6.00", sagte ich ihm stolz und dachte irgendwie glücklich und beschämt, vielleicht befreit mich meine starke Kurzsichtigkeit. "Okay, das ist nicht so schlimm", sagte er und zerstörte meine Hoffnung.

Die nächste Station war eine weitere Chance für eine einfache Ausfahrt. Der nächste Soldat mass Körpergrösse und Brustumfang. Kleiner als 1.60 und man ist raus. Ich ging zur Apparatur und nach einigem Fummeln schrie der Soldat: "1.69."

Ich hatte jede Gelegenheit für einen schnellen Ausstieg verpasst. So war es Zeit, zu den Jungs im Lotteriesaal zu gehen, während die tapferen Seelen, die sich freiwillig für den Gewinn entschieden, in einen anderen Bereich eintraten. Zehn Minuten vergingen und einige Ray Ban Träger kamen und sagten, wir sollen um 14 Uhr wieder zur Ziehung der Lose zurück kommen.

Es war gegen 11 als ich herauskam und es standen immer noch Dutzende schwitzend vor dem Eingang zum Check. Es schien ein langer Tag zu werden.

Nach zweieinhalb Stunden war ich wieder im Wartebereich. Einige waren wirklich zu spät gekommen, deshalb wurde die Ziehung der Lose um eineinhalb Stunden nach hinten verschoben. Meine Neurose verstärkte sich und ich machte mir Sorgen um meine Zukunft. Feldwebel Sonnenbrille rief schliesslich unsere Namen auf, befahl, wieder ordentlich in Reihe zu sitzen.

Ein Offizier erklärte uns den Ablauf der Lotterie. Es war Zeit. Sie sagten, dass aufgrund der hohen Zahl von Freiwilligen - danke, Jungs - nur 14 rote Karten ausgelost werden, die anderen 220 wären schwarz. Ich rechnete schnell die Gewinnquote aus. Der Erste wurde aufgerufen eine Karte zu wählen. Er ging mit ausgestreckter Hand hin, zeigte so, dass er nicht irgendwo eine schwarze Karte versteckt hatte. "Schwarz", schrie ein Soldat. Der Junge war so erleichtert, dass er einen kleinen Tanz aufführte. Ich wünschte sagen zu können, dass ich glücklich für ihn war. Aber dem war nicht so, er schmälerte meine Chancen.


Entscheidende Szene: der Griff in die Karten. 
Nach etwas 70 Leuten hatten nur vier rote Karten für die Ehre gezogen, in Thailand's Elite Armee dienen zu dürfen. Ihre Gesichter machten mir nur noch mehr Angst bis ich endlich an der Reihe war.

"Natcha Durongphant", schrie der Soldat. Ich stand auf, ging zur Box mit den Losen, hielt dabei meine rechte Hand wie gefordert auf. Ohne zögern griff ich eine Karte und reichte sie dem Soldaten. Unwillkürlich schloss ich für einen Moment meine Augen bevor ich ihn anschaute. Er blickte mich mit diesem frechen Lächeln an, diesem Lächeln, dass sie nur Leuten geben, die rote Karten ziehen. Mein Herz versank in meinen Bauch.

Nach der längsten Sekunde meines Lebens rief er: "Schwarz!"

In diesem Moment spürte ich, wie eine grosse Last von meinen Schultern fiel, möglicherweise war es eines der glücklichsten Gefühle meines Lebens. Bevor irgend etwas geändert werden konnte, eilte ich zum Schreibtisch, wo sie mir ein offizielles Dokument gaben, welches bestätigt, dass mein Dienst im Militär nicht benötigt wird.

Nach 10 Stunden war ich frei. 

Aber die Lotterie hat mich verwirrt. Ich habe Fragen über die Fairness des Verfahrens und die Grundthese der Wehrpflicht. Warum gibt es diese anachronistische Methode noch immer?

Von Natcha Durongphant, er arbeitet für Cocounts Bangkok.

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