Donnerstag, 30. April 2015

Über Stolz, Ehre und Würde

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Jeden Morgen geht Bunjerd, ein Mann Ende 40, gut angezogen mit einem sauberen, frisch gebügeltem Hemd, gepflegter Hose mit Gürtel und Socken sauber in Lederschuhe gesteckt zur Arbeit. Er öffnet sein Geschäft und reinigt die Werkzeuge seines Handwerks, immer bereit für den ersten Kunden des Tages. Er weiss nicht, wie viele Kunden er haben wird. Aber er muss immer für alles bereit sein.



Er sieht immer professionell aus und so führt er sein Geschäft. Er weiss, das seine Dienste nicht die billigsten sind, aber seine Kunden erhalten einen perfekten Gegenwert für ihr Geld und das Beste seiner Fähigkeiten. Er ist ehrlich und liefert pünktlich. Er verspricht nicht mehr, als er halten kann. Er hat keinen Chef im Nacken - er ist sein eigener Chef, und der einzige Mitarbeiter. Er kennt keine andere Art der Geschäftsführung als seine, seinen Weg.

Seit mehr als 20 Jahren repariert Bunjerd Schuhe und betätigt sich als Schlosser, wobei Schlosser in Thailand das Duplizieren von Schlüsseln bedeutet. Sein Geschäft ist ein kleiner, unscheinbarer Open-Air Kiosk am Fuss einer Treppe, nicht weit weg von der JJ Mall in Bangkok's Jatujak Bezirk. Nur wenige beachten sein Geschäft - oder ihn. Er hat kein Radio, aus dem laute Musik dröhnt und auch keine herausstechende Reklametafel. Sein Geschäft ist voll von Zeugs, dass er jeden Abend zwischen 7 und 8 vor der Heimkehr abschliesst. Er verlässt es so leise, wie er jeden Morgen kommt.

Er behandelt alle Kunde gleich. Er repariert billige Sandalen in der selben, akribischen Weise wie er Designer Schuhe flickt, die dem Gegenwert von mehreren seiner monatlichen Einnahmen entsprechen. So seltsam es klingt, er glaubt, dass jeder Schuh es verdient, mit Respekt behandelt zu werden.

In einer Gesellschaft wie der unseren, wo der niedrige Fuss eine Beleidigung ist, wenn er angehoben wird, erhält Bunjerd's Beruf nicht viel Respekt. Er macht aus schmutzigen und schäbig aussehen Latschen Schuhe, die wie neu aussehen. Und seine Mühe wird als selbstverständlich genommen, mit wenig oder keiner Ehrerbietung. Aber, für Bunjerd, ist es sein Handwerk und sein Stolz. Diesen Beruf richtig auszuüben ist für ihn eine Angelegenheit von Ehre und Würde.

Bunjerd hat zwei Kinder. Der ältere Sohn, inzwischen über 20, ist eine verlorene Sache. Bunjerd gibt zu, dass es so sein könnte, weil er er immer zu beschäftigt war, über die Runden zu kommen und nicht genug Zeit mit ihm verbracht hatte. Ihm den Sinn von Recht und Unrecht nicht erklären konnte. Der junge Mann will nichts mit seinem Vater zu tun haben, den er als Nichts bezeichnet. Vielleicht betrachtet er Schuhe flicken nicht als Karriere. Er ist ein Herumtreiber, wandert ziellos von einem Job zum nächsten, abgeneigt gegenüber harter Arbeit. Vater und Sohn wohnen in der gleichen Mietwohnung, reden aber selten miteinander. Ihr Wege sind irreparabel parallel geworden. Es zerreisst Bunjerd das Herz, aber er muss damit klar kommen.

Seine Tochter ist etwas über 10, sie lebt mit seiner Frau auf einem Bauernhof im Norden, welcher der Schwester seiner Frau gehört. Bunjerd konnte sich in Bangkok keine anständige Schule für seine Tochter leisten. Er kann es sich auch nicht leisten, vier Münder mit seinem mageren Einkommen zu ernähren.

Letztes Wochenende holte eine ältere Kundin ihre Schuhe ab. Sie kam mit einer Menge Tragtaschen aus dem Einkaufszentrum gleich um die Ecke. Bunjerd sagte, eine Minute, er schliesse sein Geschäft und helfe beim Tragen der Taschen zum Parkplatz. Sie, wissend, dass sie das sonst selbst machen müsste, offeriert ihm 200 Baht für seine Hilfe. Bunjerd schaute der Kundin in die Augen und meinte höflich, aber mit resolutem Stolz, dass er das nicht akzeptieren könne. Es sei Teil seines Kundendienstes. Seine Antwort war ruhig und stark, bis er sah, dass die Kundin sich schrecklich fühlte. Aus Angst, sie hätte ihn mit ihrem Angebot von Bargeld beleidigt.

Es ist jetzt 8 Uhr abends und dunkel. Bunjerd hatte für eine Weile keine Kunden mehr gehabt, aber sein Geschäft wie üblich bis Feierabend offen gehalten. Er wird auf dem Nachhauseweg in einer Garküche essen. Bis er in seine Wohnung kommt wird es 10 werden. Er ist erschöpft. Früher betete er, aber jetzt ist er zu müde, sich auf die Wort zu konzentrieren. Er wird sich hinlegen und fernsehen.

Er vermisst seine Tochter und sehnt sich nach dem Tag, an dem die Familie wieder zusammen ist. Sobald er genug Geld gespart hat, seine Frau und seine Tocher vom Bauernhof zurück zu holen. Er wünscht sich, er hätte die Chance, sein Unrecht in der Erziehung seines Sohnes bei der Tochter gut zu machen. Er will derjenige sein, der seinem kleinen Mädchen zeigt, dass Ehre und Würde von innen kommen. Sie können nicht auf andere Weise gewonnen werden.

Er möchte ihr sagen, dass sogar ein Schuhflicker und Schlosser nicht ohne Ehre ist. Denn Ehre und Integrität werden durch Pflichterfüllung ehrlich und verantwortungsvoll verdient. Er will, dass sie versteht, vor allem anderen, dass er stolz ist ein Handwerker zu sein, der versucht ehrlich zu seinem Handwerk zu sein. Er will ihr sagen, dass Geld wichtig, aber nicht alles ist. Es kann nicht alles kaufen, und schon gar nicht Stolz, Ehre und Würde.

Bunjerd weiss nicht, ob er die jemals die Gelegenheit erhält, seiner Tochter all das zu erzählen. Er ist jetzt müde und morgen früh muss er sein Geschäft wieder öffnen. Allzeit bereit für den ersten Kunden - der manchmal erst am Nachmittag kommt.

Quelle: Nation

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