Mittwoch, 15. April 2015

Sabai dii mai, krap? Small Talk in Thailand

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Eben hatte ich mein Auto waschen lassen. Ich bin ein Mann, der an Sauberkeit glaubt, und das überträgt sich bis auf meinen Wagen. Deshalb besuche ich zu Beginn jedes Monats mit dem Anfangsbuchstaben A eine Autowaschanlage. 


Auch ein Ort für Small Talk: Bangkok's Hauptbahnhof Hua Lamphong.  
Diese Regelmässigkeit bringt mich in Kontakt mit der sich ständig wechselnden Schar an Jugendlichen aus Laos, die sprühen, schrubben, polieren und manchmal sogar mein Auto verkratzen, bevor ich es durch die Walze steuere und schliesslich an die Kasse zu der Dame mit dem verwitterten Gesicht lenke.

Als letzte Phase dieses Prozesses verlangt die freundliche, verwitterte Dame 70 Baht. Während ich das Fenster öffne und ihr 100 Baht in die Hand lege, bin ich verpflichtet mich auf einen kleinen Small Talk einzulassen.

„Sabai dii mai, krab?“, frage ich, geht’s gut?

Sofort drehte sie ihr Gesicht zu mir.

„Das Geschäft geht 30% schlechter“, klagt sie und zeigt auf die riesige Walze der Waschanlage, die sich im Leerlauf drehte.

„Ja, nun, die Regierung ist schrecklich“, sage ich.

Das ist nicht unbedingt meine Meinung, aber ich bin im Small Talk Modus mit einer unglücklichen Besitzerin einer Autowaschanlage - und damit bin ich verpflichtet, unter Thais populäre Stimmungslagen wiederzugeben.

Sonst stünde peinlich tote Luft zwischen uns, mit nichts als dem Geräusch von Schrubben und Kratzen der laotischen Jugend im Hintergrund.

Abgesehen davon, gibt es jetzt nicht dieses Grollen von Unzufriedenheit gegenüber der Regierung? Ich fühle mich sicher mit meinem Kommentar, besonders jetzt, nachdem Sektion 44 alles demokratische aufprallen lässt. Thais sind nicht anders als alle anderen Menschen auf dieser Welt. Sie mögen ihre Regierung nicht, gewählt oder wie auch immer, und sie lieben darüber zu sprechen.

Die andere gute Seite ist, wie es mit allen Small Talk Themen, sie brauchen keine Hirnzellen. Wenn ich sage, dass die Regierung schrecklich ist, kann sie ihr Einverständnis mit einem Grummeln zeigen, meine 100 Baht nehmen, fertig.

Die Wetter gegerbte Autowasch-Dame und ich sind nichts als Schiffe in der Nacht, die sich im vorüber fahren ein paar Worte zuwerfen.


Thais sind sehr geschickt im Small Talk und höflicher Konversation. Sie müssen: Manieren und Höflichkeit sind implizite Bestandteile der thailändischen Kultur. In Thailand wird aus Verzweiflung, Enttäuschung, Wahnsinn, Rachsucht und selbst Glück gelächelt.

Ein Folge davon ist die ausgefeilte Fähigkeit in Small Talk. Thais können mit ihnen total fremden Leuten eine Stunde lang konversieren und haben danach absolut keine neuen Erkenntnisse. Das ist, was guten Small Talk ausmacht.

Nach 26 Jahren in Thailand kann ich versichern, dass es drei wesentliche Themen für Small Talk gibt: die Preise von Konsumgütern, die Soap Opera von gestern Abend und die Regierung.

Das ist alles. Du überlebst, wenn du über Preise von was auch immer sprichst - wie viel etwas auch kostete, es war immer zu teuer - die zweistündige Episode des geisttötenden Fernsehens oder die neusten Tricks der Regierung, sich selbst für die Ewigkeit an der Macht zu halten.

Thais sind da nicht anders als der Rest der Welt. In Deutschland würde man auch über diese drei Dinge sprechen, vielleicht noch über Fussball, die Engländer nähmen das Wetter dazu.

Und doch passiert etwas Merkwürdiges, wenn Thais gezwungen sind mit Ausländern zu sprechen. Die warme, höfliche Zone bleibt, aber es gibt an uns Fragen und Themen, die in ihrer Kultur nicht angebracht wären.

Vor vielen Jahren habe ich einen Englisch Kurs an meiner Schule entwickelt, den ich bis heute durchführe. Eines der Hauptthemen ist Small Talk. Wie alles andere des Kurses habe ich es selbst entwickelt, ohne Internet Recherche mit Google, aber basierend auf meinen prägenden Jahren in Thailand.

Ich spreche viele interessante Dinge an, über die man mit einem Farang reden kann und die nicht zu viele Gehirnzellen verlangen: „Wie lange sind sie schon in Thailand?“ Und: „Was machst sie?, und sogar: „Können sie Thai Food essen?

Mit Myriaden von Möglichkeiten, dachte ich, würden meine Studenten von sich aus über das Übliche hinaus gehen: „Wie viel verdienen sie?“ Und: „Warum sind sie so dick?“, und sogar: "Können sie mir 3’000 Baht leihen?“

Ich bin pingelig. Innerhalb der Grenzen der thailändischen Gesellschaft ist Small Talk und Konversation höflich und unterscheidet sich kaum von dem anderer Länder.


Der einzige, grosse Unterscheid ist - wenn es in Thailand darum geht etwas zu erzählen - dass entscheidend wichtig ist, alles dreimal zu erzählen.

Samai, ein Mitarbeiter meiner Schule ist ein gutes Beispiel. „Als ich eben den Rasen mähte, kam mir eine Kobra entgegen. Sie erschrak und schlängelte sich dann davon!“, berichtete er mit eines Nachmittags als ich gerade in mein schmutziges Auto setzte - es muss Ende Juli gewesen sein.

„Wirklich?“, fragte ich besorgt, denn ein solches Ereignis könnte unwillkommene Auswirkungen auf meinen ersten Drink des Tages haben.

„Ich bin sicher. Ich habe den Rasen gemäht und plötzlich erschien die Kobra vor mir. Ihr Kopf war schwarz und gelb. Ich sprang zurück und die Schlage machte sich weg ins hohe Gras.“

„Das soll dich lehren, das Gras nur alle paar Monate zu schneiden. Wo ist der Schlüssel zur Bar?“

„Ich sage dir, es war wirklich beängstigend. Ich hatte den Rasen etwas zur Hälfte gemäht und plötzlich erschien die Kobra wie aus dem Nichts. Ich fürchtete mich meines Lebens. Glücklicherweise schlängelte sich weg bevor ich selbst wegrennen konnte.“

Gemerkt? Die Anzahl der Wiederholungen gezählt? Genau drei. Es ist ein bemerkenswertes Muster, dass ich nach Jahren des Zuhören in Thailand festgestellt habe.

Aber ich schweife weg vom ursprünglichen Thema Small Talk. Gehen wir zurück zur Autowaschanlage und zu meiner scheinbar harmlosen Bemerkung über die Regierung, damit diese verwitterte Kassiererin etwas vor sich hin grummelt und mir mit wenig Hirnarbeit mein Wechselgeld gibt.

Manchmal wirft das Leben eine unerwartete Wendung ein, welche dich mitten ins Gesicht trifft. Sie grummelte nicht. Sie sagte nicht: „Das ist falsch.“ Nichts so einfaches:

„Nein, nicht die Regierung ist schrecklich. Es geht um die verfügbaren Mittel. Die Banken verlängern Kredite nicht mehr wie früher. Kommt dazu, dass das ein Antragsteller schon mindestens sechs Monate Geld auf der Bank haben muss, was dazu führt, dass viele Leute keine Antrag für diese Kredite stellen können und die Banken immer noch zögerlicher werden, Geld zu verleihen. Beide Seiten, die Bank und die Leute, sind in einer finanziellen Patt-Situation. Das hat eine Fahrstuhl-Wirkung, welche die Menschen dazu bringt, sich zu überlegen, wie sie ihr Geld ausgeben. Und deshalb kommen immer weniger her ihre Autos zu waschen.“

Sie machte eine Pause.

„Hier ist ihr Wechselgeld.“

Ich sagte ihr, sie könne es behalten. Nicht als Trinkgeld. Sie soll es als Busse betrachten.

Quelle: Andrew Biggs, Bangkok Post

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