Samstag, 11. April 2015

Ein Erbe der Roten Khmer - Kambodscha's autodidaktische Ärzte

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Wenn das Telefon klingelt, greift Ken Mon, ein ehemaliger Soldat der Roten Khmer, seine mit Medizin gefüllte Tasche, springt auf sein Motorrad und fährt so schnell wie jeder fleissige Arzt in ein verarmtes kambodschanisches Dorf. Doch der 55-jährige Ken Mon ist kein ausgebildeter Mediziner.

Ken Mon behandelt einen Patienten in einem kleinen Dorf im Süden Kambodscha's. 
Die selbst ernannten Doktoren, wie sich Ken und andere nennen, sind die einzige Quelle für Tausende von Familien im Dorf Ang Ro Ngeang, rund 70 Kilometer südlich von Phnom Penh.

Unbeeindruckt von seiner mangelnden Qualifikation fährt er in zehn Minuten auf der holprigen Strasse in Kambodscha’s südlichster Provinz Kampong Speu zum Haus von Chei Tana, einem 27-jährigen Mann mit starken Bauschmerzen.

„Da ist viel Luft in deinem Bauch“, erklärt er nach der Untersuchung und gibt ihm Antacid Pillen.

Ken Mon ist einer von Hunderten nicht lizenzierter Ärzte in Kambodscha, dessen Gesundheitssystem unter dem brutalen Regime der Roten Khmer Mitte der 70er Jahre ausradiert wurde und seither nicht wieder auf die Beine kam.

Gemäss einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation von 2012 kann sich mehr als 70% der kambodschanischen Bevölkerung keine Gesundheitsfürsorge leisten, sie hängen von Apotheken, illegalen Ärzten oder traditionellen Heilern, bekannt als Khru Khmer, ab.

Aber seit letztem November stehen illegale Ärzte nach einem Massenausbruch von HIV in einem entlegenen Dorf im Westen Kambodscha’s unter intensiver Beobachtung. Die Behörden sagen, dass die Infektionen durch den unqualifizierten Doktor Yem Chroeum ausgelöst wurden. Er hatte zugegeben, gebrauchte Nadeln und Spritzen wieder zu verwenden.

Mehr als 200 seiner Patienten wurden seither positiv auf HIV getestet. Er selbst wurde aufgrund vorsätzlicher Infizierung von Menschen und Betreiben einer illegalen Klinik des Mordes angeklagt. Der Skandal führte dazu, dass die Regierung gegen viele der selbst ernannten Ärzte und Heiler vorging.

„Ihre Tätigkeit betrifft das Leben der Menschen und die Reputation des Landes“, gab Sok Srun, Direktor des Spital Departements des Gesundheitsministerium bekannt. Sein Amt vergibt die Lizenzen für Krankenpfleger, Ärzte und Kliniken.

Trotz ihrer Bedenken versucht das Ministerium weiterhin nicht, neu ausgebildete Ärzte aus dem relativen Komfort der Städte zu locken und eine Tätigkeit im abgelegenen Hinterland Kambodscha’s schmackhaft zu machen.

Auch konnte es die Anzahl der Ärzte an sich nicht steigern, einem Beruf, der von den Roten Khmern vernichtet wurde. Dieses Vermächtnis spukt noch heute im Land.

Die Welt Bank sagt, dass es in Kambodscha, einem der ärmsten Länder der Welt, nur 0.2 Ärzte pro 100’000 Einwohner gibt, gleich viele wie in Afghanistan. Nicht viel besser sieht es in Myanmar aus, wo die Anzahl 0.4 beträgt - im Vergleich dazu sind es 3.2 pro 100’000 in Frankreich.

Der selbst ernannte Doktor und ehemalige Soldat der Roten Khmer mit seinem Motorrad. 
Für Millionen Kambodschaner sind „Ärzte“ wie Ken Mon die billigste - und meist einzige - Option.

„Ich lernte meine medizinischen Fähigkeiten in der Schule des Lebens“, sagt er und fügt an, dass ihn noch nie Beamte aufgefordert hätten, seine Tätigkeit aufzugeben. Ironischerweise erhielt er seine Ausbildung von den selben Leuten, die Kambodscha’s Gesundheitssystem zerstört hatten.

Ken Mon trat 1974 den Roten Khmern als Kämpfer bei, kurz bevor sie an die Macht kamen. Als sie 5 Jahre später vertrieben wurden, waren 2 Millionen Kambodschaner ermordet worden oder an Hunger und durch harte Arbeit gestorben. Er und viele andere Kader flohen nach Samlot, einer Hochburg der Roten Khmer an der Grenze zu Thailand, von wo aus bis in die späten 90er Jahre Anschläge verübt wurden.

Er wurde in Medizin ausgebildet, erst vom medizinischem Personal der Roten Khmer, später von ausländischen Ärzten, die für das Rote Kreuz arbeiteten.

„Am ersten Tag gaben sie mir eine Spritze sowie Medizin und baten mich, einen verwundeten Soldaten zu injizieren“, erinnert er sich. Nun könne er eine Vielzahl von Behandlungen bei Krankheiten wie beispielsweise Malaria und Typhus durchführen, ebenso Wunden nähen.

Nuch Dy, eine 56-jährige Witwe aus einem nahe gelegenen Dorf hat noch in ihrem Leben einen qualifizierten Arzt gesehen. „Das Gesundheitszentrum liegt weit weg und ich habe keine Geld, um sofort zu bezahlen.“

Gesundheitsversorgung Kambodscha
Eines der 11'000 Gesundheitszentren in Kambodscha. 
Stattdessen behandelt sie ihre chronischen Magenprobleme mit Schmerzmitteln und Antacid Pillen, welche sie Ken Mon abkauft - oft auf Kredit.

Nachbarin Udon Sreang, 35, sagt, dass alle im Dorf wüssten, dass ihr Doktor keine richtige Ausbildung hat. „Aber wir vertrauen ihm. Er hat immer neue Spritzen und Nadeln benutzt, wenn er Leute aus meiner Familie behandelt hat“, sagt sie, während sie ihr neun Monate altes Baby in ihren Armen wiegt.

Es gibt eine Logik, in Ken Mon’s Fähigkeiten zu vertrauen - weil staatliche Gesundheitszentrum oft versagen und keine bessere Behandlung gewährleisten.

Die WHO sagt, dass 43% der 11’000 Gesundheitszentren in Kambodscha - eigentlich die erste Anlaufstelle für medizinische Versorgung - unfähig sind, vollen Service zu leisten, weil sie weder über genügend ausgebildetes Personal, noch Medizin oder Ausrüstung verfügen.

Eine Studie der Weltbank von letztem Jahr zeigt auf, dass nur einer von drei lizenzierten Ärzten in ländlichen Gesundheitszentren eine ernsthafte Erkrankung korrekt diagnostizieren konnte. Von denen, die dazu fähig waren, waren nur 17% in der Lage, auch die richtigen Medikamente zu verschreiben.

Für wirklich Kranke - und für Babys - ist eine Klinik in der Stadt die einzige Option. 

Ausserhalb des vom Schweizer Arzt Beat Richner gegründeten Kantha Bopha Kinderspitals in Phnom Penh wartet der 45-jährige Heng Hen geduldig mit drei kranken Enkeln, nachdem er mit ihnen nach einer 80 Kilometer langen Reise in der Morgendämmerung angekommen war.

„Mediziner auf dem Land haben weder das Wissen noch die Ausbildung, Kinder zu behandeln“, sagt er.

Er gibt zu, der kürzliche HIV-Ausbruch habe auch bei ihm Bedenken ausgelöst, sich weiterhin von nicht lizenzierten Ärzten behandeln zu lassen.

„Aber wir haben keine Wahl, wir sind arm.“

Quelle: Bankgok Post

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