Sonntag, 19. April 2015

Als die USA Kambodscha aufgaben und an die Schlächter übergaben

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12 Hubschrauber, gespickt mit Waffen und Marines, verletzten den Morgenhorizont und begannen eine gewagte Landung in Kambodscha’s belagerter Hauptstadt Phnom Penh. Die Einwohner glaubten, sie kämen um sie zu retten, aber in der amerikanischen Botschaft - im Angesicht einer blutenden, dem Tod geweihten Stadt - weinte der Botschafter.

Evakuierung Phnom Penh
12. April 1975: Hubschrauber evakuieren US-Botschaftspersonal und Reporter aus Phnom Penh. 
40 Jahre später erinnert sich John Gunther Dean an den wohl tragischsten Tag seines Lebens, den 12. April 1975. Den Tag, als die Vereinigten Staaten Kambodscha aufgaben und an die Schlächter übergaben.

„Wir hatten die Verantwortung für Kambodscha angenommen, und verliessen das Land ohne unser Versprechen zu erfüllen. Das ist das Schlimmste, was ein Land machen kann“, sagt er in einem Interview. „Und ich weinte, weil ich wusste was geschehen würde.“

5 Tag nach der dramatischen Evaluation der Amerikaner fiel die von den USA unterstützte Regierung und die Steinzeit-Kommunisten der Roten Khmer übernahmen. Mit vorgehaltener Waffe führten sie die 2 Millionen Einwohner von Phnom Penh auf’s Land. Gegen 2 Millionen Kambodschaner - einer von vier - starben durch Hinrichtungen, Hunger und abscheuliche Folter.

Viele Ausländer, die in den letzten Monaten vor dem Fall dabei waren, verfolgt der Todeskampf von Phnom Penh bis zum heutigen Tag - durch die herzzerreissende Loyalität der Kambodschaner, die nicht flüchten wollten und dem was der ehemalige Botschafter Dean Washington’s "unanständige Handlung" nennt.

Ich zähle mich zu diesen, ein Reporter, der über den Krieg in Kambodscha für die Associated Press berichtete und zusammen mit Dean und 287 anderen Amerikanern, Kambodschanern und Leuten anderer Länder ausgeflogen wurde. Ich liess mehr als ein Dutzend kambodschanische Reporter und Fotografen zurück, unter ihnen die Tüchtigsten, nicht zu sagen die Besten, Kollegen, die ich je hatte. Fast alle starben.

Die Flucht, drei Wochen vor dem Ende des Vietnam Krieges, ist fast vergessen. Aber für Historiker und politische Analysten war es das erste von dem, was der damalige US-Aussenminister Henry Kissinger „Bug-out“ nannte, schnellen Rückzug.

„Es war das erste Mal, dass die USA nahe an einer Niederlage waren. Was mich und andere Kollegen aus dieser Zeit beunruhigt, dass wir es es noch immer sehen“, sagt Frank Snepp, ehemaliger CIA Offizier, in Saigon stationiert und Autor von „Decent Interval“, welches die letzten Jahre des Vietnam Krieges beschreibt. 

Snepp wurde 1977 nach Veröffentlichung seines Buches von der CIA verklagt, weil er darin ohne Genehmigung Namen und Methoden während des Krieges preisgab. Schliesslich wurde er zu einer Busse von $300'000 verurteilt, weil er der "nationalen Sicherheit irreparablen Schaden" zugefügt habe.

„Nach Kambodscha und Vietnam kam Laos, und dann folgten weiter Konflikte mit schlechtem Ende, wie in Mittelamerika in den 80er Jahren, Irak und, potentiell, Afghanistan.“

Heute mit 89 lebt Ex-Botschafter Dean mit seiner französischen Frau in einem eleganten Pariser Appartement, umgeben von Statuen von kambodschanischen Königen aus den glorreichen Tagen des Angkor Reiches. Eine gefaltete amerikanische Flagge liegt auf seinen Knien. Dieselbe, welcher er einst in einem Plastiksack unter seinen Arm geklemmt mit sich hatte, als er mit einem Hubschrauber aus Phnom Penh evakuiert wurde. Dieses Bild wurde eines der berühmtesten Bilder aus diesem Krieg:

Evakuierung Kambodscha
Botschafter Dean verlässt mit der US-Flagge unter dem Arm Kambodscha. 
Im Appartement hängt ein eingerahmter Brief von Präsident Gerald Ford, datiert auf den 14. August 1975. Er unterstreicht, dass Dean „eine der schwierigsten Aufgaben in der Geschichte des Aussenministeriums hatte und sie mit Auszeichnung bestand“.

Dean sagt dazu nur: „Ich habe versagt.“

„Ich gab alles“, fügt er hinzu, „ich nahm so viele Menschen wie möglich mit, Hunderte, aber ich konnte nicht die ganze Nation mitnehmen.“

Der ehemalige Botschafter in vier weiteren Ländern steht der Verletzung von Kambodscha’s Neutralität Anfang der 70er Jahre durch bewaffnete Überfälle aus dem benachbarten Vietnam und dem Bombenkrieg der USA kritisch gegenüber. 

Die Vereinigten Staaten bombardieren vietnamesische Stellungen und Versorgungseinrichtungen entlang des Ho-Chi-Minh-Pfades an der vietnamesisch-kambodschanischen Grenze und hielten den von ihnen selbst eingesetzten General Lon Nol als anti-kommunistischen Aussenposten an der Macht. Aber sie setzten Flugzeuge aus dem 2. Weltkrieg und nur wenig Artillerie zum Schutz von Phnom Penh vor den Roten Khmern ein. 

In seinem Memoiren schrieb Henry Kissinger, dass die USA keine andere Wahl hatte, als den Krieg auf die Nachbarländer von Vietnam auszuweiten, da sie als Versorgungs- und Rückzugsbasis dienten und dass die Anti-Kriegs-Stimmung in den Vereinigten Staaten davon abhielt, die Kambodschaner stärker zu unterstützen.

Dean ist verbittert, dass Washington seinen Vorschlag, den ausgebooteten kambodschanischen König Norodom Sihanouk aus seinem Exil zu holen und eine Koalition mit den Roten Khmern zu vereinbaren, nicht annahmen. Es war seine „kontrollierte Lösung“.

„Botschafter Dean hatte nie Präsident Nixon’s und Kissinger’s Unterstützung, weil beide aus Indochina raus wollten“, sagt ex-CIA Mann Snepp. Aber auch er, wie andere Historiker, bezweifelt, ob Dean’s Plan funktioniert hätte.

Anfang 1975 wurde die damals geheimen, 2006 deklassifizierten, Nachrichten der Botschaft immer verzweifelter. 

Als ich ihn eines Tages sah, fragte mich ein um 10 Kilo abgemagerter Botschafter Dean rhetorisch: „Gibt es noch irgendeinen Rest von menschlichem Anstand in uns?“

Die Roten Khmer schürten ihren Belagerungsring um die Hauptstadt immer tiefer, schlossen den Flughafen, von dem die Botschaft viele hundert Kambodschaner ausgeflogen hatte. Am 6. April benachrichtigte Dean Washington: „Die kambodschanische Regierung wie auch die Armee erwarten von uns ein Wunder zu ihrer Rettung. Sie und ich wissen, dass es kein solches Wunder geben wird.“

Der Kongress durchschnitt die Lebensader Phnom Penh’s. Die amerikanische Öffentlichkeit hatte genug vom Krieg. Unter davon wissenden Kambodschanern schlichen sich anti-amerikanische Gefühle ein.

„Kambodscha wurden erst verführt und dann aufgegeben“, sagte Chang Song in den frühen 70er Jahren, er war damals Innenminister.

Aber unter der Bevölkerung von Phnom Penh fand ich nur Lächeln. „Die Amerikaner sind unsere Väter“, sagte mir ein Gemüsehändler - mit dem tiefen Gefühl das sich alles zum Guten wenden wird. Irgendwie.

Am Morgen der Evakuation sass Botschafter Dean zum letzten Mal in seinem Büro und las einen Brief von Prince Sirik Matak. Der respektierte frühere stellvertretende Premierminister verweigerte das Land zu verlassen und besiegelte damit seinen Tod. 

Im Brief stand: „Ich hatte nie nur einen Augenblick geglaubt, dass sie dieses Gefühl entwickeln Menschen aufzugeben, welche die Freiheit gewählt hatten. Ich habe nur den Fehler begangen an euch Amerikaner zu glauben.“

Dean beschreibt es als „die schwerwiegendste Anklage die Ausländer je gemacht haben. Sie schmerzt, nicht wahr?“

Seine Botschaft schloss morgens um 9.45 Uhr, die zu Evakuierenden wurden zu einem Fussballfeld gefahren. Die „Jolly Green Giant“ Helikopter landeten. Die Marines schwärmten aus um einen Sicherheitsgürtel zu formieren, aber Ängste über Repressalien zurückbleibender Kambodschaner erwiesen sich als unbegründet.

Kinder und Mütter kletterten auf Zäune um zuzusehen. Sie riefen, klatschten und winkten mit den Händen.  Ein kambodschanischer Militärpolizist salutierte herausfordernd Alan Armstrong, den Assistenten des Verteidigung-Attachés. Angewidert und beschämt liess er Gewehr und Helm fallen, liess beides zurück.

Ich selbst versuchte nicht in die Gesichter der Menge zu schauen. Aber ich werde niemals die kleinen aufgeregten Kinderhände und den Singsang „Okay, bye-bye, bye-bye“ vergessen. 

5 Tage später erhielten wir eine Nachricht von Mean Leang, einem immer jovialen AP Reporter mit Babyface, der sich geweigert hatte in Sicherheit zu gehen. Er schrieb über den brutalen Einmarsch der Roten Khmer in die Stadt, deren Aufgabe und die mit Waffengewalt durchgeführte Räumung. „Ich bin alleine im Büro, verliere den Kontakt mit unseren Leuten. Ich zittere am ganzen Körper, weiss nicht, wie ich unsere Storys jetzt ablegen soll. Vielleicht ist es die letzte Nachricht von heute, und für immer.“

Barry Broman, damals ein junger Diplomat, erinnert sich an die Kambodschanerin, welche an einem Aussenposten für die Botschaft das Geschehen überwachte. Auch sie hatte sich geweigert, dass Land zu verlassen.

„Eines Tages sagte sie: sie sind in der Stadt. Ihre Kontaktperson wies sie an zu gehen. Sie weigerte sich. Später berichtete sie: sie sind im Gebäude. Wollte aber ihren Posten noch immer nicht verlassen. Ihre letzte Meldung war: sie sind im Raum, adieu. Die Verbindung war unterbrochen.“ 

Von Dennis Gray, für die Bangkok Post. Er war Berichterstatter des Krieges in Kambodscha und wurde vor 40 Jahren aus Phnom Penh evakuiert. 

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